Aber nicht nur das Fehlen an kämpferischem Elan fällt auf. Neue Töne klingen auch im Referat des Versammlungsleiters an. "Wir sind weder Parteiersatz noch Wurmfortsatz einer Partei", ruft er den Delegierten zu, "und wir gehen mit keiner Regierung durch dick und dünn." Vor ein paar Jahren noch wäre eine solche Feststellung undenkbar gewesen. Damals, als die Aufbruchstimmung unter den Arbeitern Heinz Kühn und Willy Brandt in ihre Ämter hievte, war gerade die IG Metall keineswegs so pingelig um parteipolitische Neutralität bedacht.

Heute ist das Engagement für die SPD in Ernüchterung umgeschlagen. Die Haltung der Metallarbeiter zeigt an, was überall an der nordrhein-westfälischen Basis gedacht wird. Die SPD ist derzeit alles andere als geschlossen, sie scheint nur mit sich selber und der Verteilung von Pfründen beschäftigt zu sein. Ob es Heinz Kühn, den seine Partei vor Jahrsfrist ohne Dank und Anerkennung aus dem Vorsitz entließ, gelingt, die Genossen zu beflügeln, erscheint fraglich. Noch glaubt er optimistisch: "Wenn die in Fahrt kommen, dann rollt das." Aber derzeit ist nichts in Sicht, was die Sozialdemokraten in Schwung bringen könnte.

Die CDU hingegen läuft bereits auf vollen Touren. Die Wahlergebnisse in Hessen und Bayern haben der Partei neuen Auftrieb gegeben. Ihr Matador Heinrich Köppler, der lange Zeit ein eher nachsichtiger als zuschlagender Oppositionsführer im Düsseldorfer Landtag war, macht von sich reden – und das nicht immer auf die feine Art. Sein Wort vom "roten Spuk", mit dem er in der Düsseldorfer Etatdebatte die SPD provozierte, hat ihm den Titel "Mini-Dregger" eingetragen.

Auch Köpplers Attacken auf die Bildungspolitik erinnern mitunter an hessische Vorbilder. Aber die Angriffe gegen die Experimente wirken bei den reformmüden Wählern. Und sie kommen nicht von ungefähr. Was den nordrhein-westfälischen Eltern an schulischen Experimenten geboten wird, muß sie verunsichern, auch wenn ihre Kinder zumeist davon noch gar nicht betroffen sind. Integrierte, offene und kooperative Gesamtschule, Regelschule und Versuchsschule, Primärstufe, Sekundarstufe und Orientierungsstufe – die Unzahl von Begriffen und Modellen verwirrt und weckt Zweifel an der Solidität der Bildungspolitik.

Natürlich gibt es auch in Nordrhein-Westfalen den Streit um die Richtlinien für den politischen Unterricht. Doch bevor sie, wie in Hessen, zum Zündstoff werden konnten, entschärfte sie Kühn mit dem Rotstift. Jetzt liegen die Richtlinien in den Schubladen und werden dort mit anderen bildungspolitischen Vorhaben noch eine Weile ruhen. "Denn", so meint der Ministerpräsident, "es ist unklug, in der Endphase einer Legislaturperiode gesetzgebende Maßnahmen anzustreben, die Emotionen wachrufen und in den Wahlkampf tragen."

Die Emotionen freilich sind längst geweckt. Heinrich Köppler braucht sich ihrer nur zu bedienen. Doch er wird nicht "dreggern", wie es ihm seine politischen Gegner schon jetzt unterstellen: Erstens, weil die Wähler an Rhein und Ruhr (noch?) nicht so leicht anheizbar sind wie die in Hessen oder Bayern; zweitens, weil ihm demagogische Tricks nicht sonderlich liegen. Köpplers Kritik an der Forderung seines Parteifreundes Carstens, die Mitglieder der Baader-Meinhof-Truppe ruhig verhungern zu lassen, spricht dafür, daß er auch im bereits begonnenen Wahlkampf das Maß der Vernunft beachten wird.

Köppler hat zur Zurückhaltung noch einen anderen Grund: Nur wenn er nicht alle Brücken abbricht, besteht für ihn die Chance, die FDP zum Koalitionspartner zu gewinnen, jedenfalls ist die Partei – falls sie die Fünf-Prozent-Hürde nimmt, was noch keineswegs sicher ist – nach den Worten ihres Landesvorsitzenden Riemer "im höheren Sinne offen". Das heißt, die Freien Demokraten werden vor der Wahl vermutlich keine unzweideutige Koaltionsaussage treffen. "Da Kühn die Große Koalition ins Spiel gebracht hat", so Riemer, "können wir auch ein Bündnis mit der CDU ins Auge fassen."