Statt mit Zensuren wird jetzt mit Punkten benotet

Von Hayo Matthiesen

Also, ich finde die neue Oberstufe prima", sagt Martin Wehling, und dabei strahlt er über sein ganzes schmales blasses Gesicht. Martin ist ganze 17 Jahre alt und hat gerade sein Abitur am Staatlichen Internatsgymnasium im schleswig-holsteinischen Städtchen Plön gemacht. Kein Abitur von der Stange, versteht sich, sondern eines mit Glanz und Gloria: Wehling hat die Reifeprüfung mit 873 Punkten bestanden.

Wem diese Zahl nichts sagt, der möge sich von dem Musterschüler belehren lassen: "Das entspricht einer Eins in allen Fächern." Und so steht es schwarz auf weiß auch im Reifezeugnis des Plöner Gymnasiasten: Gesamtpunktzahl 873, Durchschnittsquote 1,0.

Mit Punkten statt mit herkömmlichen Zensuren begannen Schüler und Lehrer an der Plöner Oberschule zu rechnen, als sie im Sommer 1971 darangingen, die Oberstufe (die Obersekunda und die beiden Primen) umzumodeln. Studiendirektor Friedrich Hartwig machte sich für die Reform stark und managte sie in den folgenden Jahren. Direktor Jakob Schäfer tolerierte den Versuch nicht nur, sondern trieb ihn durch eigne Initiativen voran. Heute verfolgt er "sein" Werk mit Wohlgefallen aus der Ferne: Kürzlich avancierte er auf den Stuhl des Landesschuldirektors im Kieler Kultusministerium und ist damit der höchste Schulbeamte im Lande. Auch die Eltern stimmten der Neuerung zu, und "wir Schüler", erzählt Martin Wehling, "waren überwiegend damit einverstanden".

Widerstand gab es im Grunde nicht. Ein paar Kollegen legten sich anfangs quer, wie das so ist, wenn Neues auf sie zukommt und mehr Arbeit droht. Mancher war auch abgeneigt, weil er das ziemlich komplizierte System aus Leistungs- und Grundkursen, Wahl- und Pflichtbereichen, Punkten, Klausuren und Facharbeiten nicht verstand. Mutige Oberstufenschüler in Plön behaupten: "Einige Lehrer kapieren noch immer nicht, was eigentlich passiert ist."

Die Sechs ist eine Null