Von Hansjakob Stehle

Ein frommer leidgeprüfter Mann, den historischer Zufall zum Kardinal der römischen Kirche erhob, war ein Vierteljahrhundert zum Schweigen verurteilt – obwohl er glaubte, viel zu sagen zu haben. In den letzten achtzehn Jahren schrieb er schlichten Gemütes Tausende von Seiten nieder: über sich und über die Nation, deren Schicksal er mit dem seinen gleichsetzt. Solche Selbstbezogenheit, weder durch intellektuelle noch durch stilistische Brillanz verbrämt, hat respektable Gründe. Wie sollte ihm, dem stalinistische Peiniger mit Knüppeln die Selbstachtung austreiben wollten und amerikanische Diplomaten das Essen vor die Tür stellten, in besonderem Maße die Tugenden der Demut und der Versöhnlichkeit zugewachsen sein? Erstaunlicher ist, daß uns seine (um einige tausend Seiten gekürzte), immer noch schwer lesbare Niederschrift nicht nur als Zeugnis einer menschlichen Tragödie, sondern als politisches Lehrstück vorgelegt wird:

József Kardinal Mindszenty: "Erinnerungen"; Propyläen-Verlag, Berlin 1974; 438 S., 38,–DM.

"Nur" um der Welt mitzuteilen, "welch ein Schicksal der Kommunismus für sie bereit hält", präsentiert der 82jährige Kardinal seinen Lebensbericht. Ein braver ungarischer Bauernsohn kommt über die Klosterschule ins Priesterseminar; er zieht sich den Unwillen seines Bischofs zu, weil er ein Universitätsstudium verweigert – aus "Bedenken", über die wir nichts erfahren.

Mindszenty, der 27 Jahre lang Pfarrer einer provinziellen Kleinstadt bleibt, hat keine theologischen Interessen; in einem Lande, in dem das Sozialprestige der Geistlichkeit dem des Adels und des Offizierskorps gleichkommt, kümmert sich der eifrige Seelenhirt zugleich um irdisches und nationales Heil: als Redakteur des lokalen Wochenblatts, als christlicher Parteifunktionär, als Gemeinderat. Politische Entscheidungen dürfe der Priester nicht nur "dem oft irregeführten Gewissen der Gläubigen überlassen", meint er.

So entwickelt er auch seine Vorliebe für die Historie. Er trauert der Zeit nach, da Ungarn "eine führende Macht Europas wurde"; den Niedergang schreibt er nicht nur "östlichen Barbaren" zu (Tartaren und Türken), sondern vor allem der "Untreue gegenüber der Allerseligsten Jungfrau Maria". Ob damit die ungarischen Kalvinisten gemeint sind, gegen die eine blutige Gegenreformation nicht ganz Sieger blieb, haben die kürzenden Lektoren des Buches wie manch andere "rauhe" Stelle unter den Tisch fallen lassen. Zu lesen ist Mindszentys lapidare Erkenntnis: "Die Neuzeit brachte mit kirchenfeindlichen und liberalen Ideen die Gleichgültigkeit und Gottlosigkeit zu uns." Kein Wunder also, was im Ersten Weltkrieg geschah: "In der feindlichen Presse wurden die Soldaten an der Front aufgerufen, ihre Waffen wegzuwerfen. So (!) kam es im Oktober 1918 zum totalen Zusammenbruch." Immerhin, die kommunistische Räterepublik schickt während ihrer zweimonatigen Lebensdauer den verhafteten Pfarrer Mindszenty nur aufs Land zu seinen Eltern.

Kompromisse sind für ihn grundsätzlich ein Übel; allerdings berichtet er, daß schon seine Ernennung zum Bischof von Veszprem 1944 eine "Kompromißlösung" war. Als die faschistischen Pfeilkreuzler zusammen mit den Deutschen Ungarn zum Kriegsschauplatz gegen die vorrückenden Sowjets machen, möchte er "Widerstand nach beiden Seiten organisieren"; doch dann schreibt er an die Regierung, es sei "niemand befugt, eine ganze Nation zum Selbstmord zu treiben". Die Pfeilkreuzler verhaften den Bischof; kein anderer kann eine solche antifaschistische Qualifikation vorweisen. Er ahnt nicht (woran sich alte Monsignori im Vatikan noch heute erinnern), daß ihn dies allein in den Augen Pius’ XII. geeignet erscheinen läßt, im September 1945 – unter sowjetischer Okkupation – den erzbischöflichen Stuhl von Esztergom zu besteigen; manche in Rom sorgen sich damals, daß der Titel eines "Fürstprimas" dem Bischof, dem es zwar nicht an Rückgrat, aber an Klugheit mangle, zu Kopfe steigen könnte.