ARD, Montag, 25. November:"Joy-Erna" – Fernsehporträt der Sängerin Joy Fleming, von Ernst O. Draeger

Das sollte nicht einfach ein "Star-Porträt" werden, sondern etwas ganz anderes, Besonderes. Ein Porträt ist es denn auch nicht geworden – sondern die exemplarische Demonstration der Playback-Krankheit eines Fernsehregisseurs.

Wenn Sänger im Fernsehen singen, singen sie meist nicht wirklich, sondern machen nur den Mund auf und zu; die Musik dazu kommt vom Tonband oder von der Platte, beides sorgfältig im Studio vorproduziert.

Ein Sänger-Porträt: das hätte die Chance, einen Sänger tatsächlich bei der Arbeit zu zeigen, beim Singen, bei dem Arbeitsprozeß, von dem der Konsument immer nur das Endprodukt kennenlernt. Dessen glatten Schein zu zerbrechen: genau das wäre die Aufgabe eines Sänger-Porträts.

In Draegers Fernseh-Porträt der Mannheimer Blues-Sängerin Joy Fleming hörte man eine Dreiviertelstunde lang Joy Fleming singen, sah man Mannheimer Fleming-Milieu, sah man Joy Fleming in Mannheim singen – und kein einziger Ton war wahr.

Tage- oder wochenlang muß Draeger Joy Fleming durch Mannheim gescheucht und dazu gebracht haben, ihren Mund synchron zu ihren im Studio aufgenommenen Liedern auf- und zuzumachen: auf Kinderspielplätzen, Autobahnbrücken in Hauseingängen und der Straßenbahn. Den Neckarbrücken-Blues, dieses großartige Beispiel dafür, daß man auch einen deutschen Blues-Text ohne Peinlichkeit singen kann, wenn man sich von der geschniegelten Hochsprache löst und Dialekt benutzt, sang Joy Fleming aus dem Fenster eines Altbaus heraus auf die Straße herunter; die Begleitung durch die Band lag dort eben in der Luft. Ein Song, dem der fast pathetische stimmliche Einsatz anzuhören war, erklang in einer blitzblanken Küche, in der Joy Fleming in leeren, garantiert noch nie benutzten Töpfen rührte. Und wie das in Mannheimer Kneipen eben so ist: Es sitzen dort Leute herum und trinken Bier; dazu hört man eine Musik einschließlich Hintergrundchor unbestimmten Ursprungs, in die der lässig am Bierhahn tätige Kneipenwirt als Solist einstimmt, während Joy Fleming in einer Ecke sitzt, ebenfalls Bier trinkt, zwischendurch aber ihren Part absolviert.

Kein Wunder, daß bei solchen inszenatorischen Verrenkungen über Joy Fleming, ihre Entwicklung, ihre Arbeit, die Erfindung des Dialekt-Blues so gut wie nichts zu erfahren war. Die einzigen Augenblicke der Wahrheit waren ein paar kurze Interviewfetzen: Joy Flemings Mutter, Joy Fleming mit ihrer Tochter, Joy Fleming selber über ihre Vorstellungen von Karriere. Sonst keine Information, sondern nur: das Wunder von Mannheim. Es besteht darin, daß diese Stadt keinerlei Eigengeräusche hat, sondern eine einzige Musikkulisse für Fleming-Songs ist.

Dieter E. Zimmer