ARD, Mittwoch, 20. November: Tagesschaubericht über den Lufthansa-Absturz

Nein, ich kann mich nicht erinnern, jemals etwas Ähnliches auf dem Bildschirm gesehen zu haben: etwas, das so grausam, niederderträchtig und empörend war. Da wurde ein Mensch, der einen Flugzeugabsturz überlebt hatte und, wie der Sprecher der Tagesschau bemerkte, noch unter dem Eindruck des Erlebten stand, vor die Kamera gestellt und ... nein, nicht befragt, sondern exekutiert. Der Mann war fertig, er konnte nicht mehr, seine Stimme stockte, man sah, wie er an sich halten mußte, um nicht zu schluchzen, man spürte, wie er bettelte, mit seinen Augen und seinen Gebärden: "Bitte, lassen Sie mich doch in Ruhe, sehen Sie denn nicht, daß ich beim besten Willen nichts mehr sagen kann?" – aber der Reporter ließ ihn nicht aus den Klauen, zerrte ans Licht, was verdeckt bleiben wollte, hakte nach, kannte keinen Pardon, suchte das eben erst Geschehene ein zweites Mal zu realisieren, fragte – dem Betrachter am Bildschirm, der das Entsetzen in den Augen des Opfers bemerkte, stockte der Atem – "Sind die Menschen neben Ihnen am Leben geblieben?"

Nein, das war kein Gespräch, das war ein Verhör. Hier wurde ein Mensch in der, entwürdigendsten Weise gequält... und wozu? Damit die Zuschauer wissen, daß es nicht angenehm ist, den Absturz eines Flugzeugs miterleben zu müssen, nicht angenehm zu sehen, wie die Erde näher kommt, das Tragwerk zerschellt und der Rumpf sich wie eine Sardinenbüchse zusammenschiebt So etwas kann man berichten, dafür braucht man keinen Menschen psychisch zu foltern.

Und nun die Frage: Wenn schon der Reporter nach der Devise handelte "was schert mich dort Humanität, wo es um meinen Job geht? Koste es was es wolle, ich muß einen von den armen Teufeln vor die Kamera bringen" ... warum hatte dann nicht wenigstens der für die Tagesschau verantwortliche Mann die Courage – das bißchen Takt! –, um eine Vivisektion zu unterbinden, die überdies noch nicht einmal Informationswert besaß?

Muß das nicht die Korrespondenten geradezu anspornen, bei künftigen Vorkommnissen in gleicher Art zu verfahren, da in der Zentrale eine solche Dokumentation um jeden Preis ja offensichtlich erwünscht ist? Ist das nicht ein Appell, es, wenn die Stunde kommt und wieder einmal Menschen verrecken, an Brutalität nicht fehlen zu lassen ... nach dem Motto: "Beißt die Zähne zusammen, Leute. Denkt daran, wie’s Seelmann in Nairobi gemacht hat. Der Kerl hatte Schneid."

Noch ist es Zeit, daß sich die Verantwortlichen von einem Interview distanzieren, das den Tatbestand des Psychoterrors erfüllte. Noch ist es Zeit, zu erklären, das es Situationen gibt, wo man einen Menschen nicht vor die Kameras zu zerren hat. Um keinen Preis der Welt.

Boxer nimmt man aus dem Ring, wenn sie am Ende sind. Ihnen hilft der Arzt und bewahrt sie vor den Schlägen des Gegners. Den Opfern auf dem Bildschirm aber hilft niemand und schützt sie vor den Fragen ihres Peinigers. Oder doch? Momos