Während die Reiseveranstalter versuchen, in den letzten Ecken der Welt ihren Programmen ein paar neue Lichter aufzusetzen, dämmert unmittelbar vor unserer Haustür (Flugzeit 4 1/2 Stunden) ein ideales Reiseland im Dornröschenschlaf: Ägypten. Das Land der Pharaonen bietet schlechthin alles, was des Touristen Herz erfreut: mildes Klima im Winter, endlose Badestrände am Mittelmeer und am Roten Meer, Kunstschätze und Baudenkmäler, die ihresgleichen in der Welt suchen, und – nicht zuletzt – niedrige Preise, nach denen sich beispielsweise die spanischen Tourismusbehörden die Finger schlecken würden.

Die Sache hat freilich noch ein paar Haken. Ägypten verfügt bisher über zu wenig Hotels. Der Tourismus-Minister Ibrahim Naguib nannte unlängst auf einer Pressekonferenz die Zahl von 15 320 Betten, das ist weit weniger als München anzubieten hat. Auch der Ausbildungsstand des Hotelpersonals liegt noch unter den üblichen internationalen Normen. Ferner gibt es hier und dort Probleme der technischen und hygienischen Infrastruktur, wie unzureichende Verkehrslinien oder den Umstand, daß vom Genuß von Trinkwasser und Salaten immer noch abzuraten ist.

Größtes Hindernis für einen ungehinderten Ägypten-Tourismus ist freilich nach wie vor die angespannte politische Situation im Nahen Osten. Nach ägyptischer Vorstellung hat der "Oktober-Sieg" zwar einen großen Einfluß auf das Sicherheitsbedürfnis der Touristen ausgeübt, aber in der Bundesrepublik vertraut man solchen Beteuerungen verständlicherweise nur wenig. Die Höchstzahl von 28 000 bundesdeutschen Touristen aus dem Jahre 1966 wurde bisher noch nicht wieder erreicht. So wird die friedliche Beilegung der Spannungen zwischen Israel und Ägypten zugleich auch der Schlüssel für die weitere touristische Entwicklung sein.

Ungeachtet dieses ungelösten Konflikts planen die Ägypter indessen schon zielstrebig die touristische Zukunft. In den nächsten fünf Jahren soll die jährliche Zahl der Besucher von gegenwärtig 700 000 auf vier Millionen gesteigert werden. An 23 Punkten an der Mittelmeerküste und am Roten Meer entstehen neue Ferienzentren. Hoffentlich wird man dabei aus den Fehlern anderer Mittelmeer-Länder lernen und den Bau riesiger Bettenburgen vermeiden, hoffentlich denken die Planer aber auch daran, daß Touristen in zunehmendem Maße Feriengettos weitab von anderen menschlichen Siedlungen aus dem Wege gehen.

In der bundesrepublikanischen Hotellerie hat man offenbar die Chance noch gar nicht erkannt, die in der touristischen Zukunft Ägyptens liegt. Während Amerikaner und Franzosen bereits kräftig in das Hotelgeschäft eingestiegen sind (bisher freilich mehr in der Luxusklasse), und zum Teil gemeinsam mit ägyptischen Finanzierungsgesellschaften neue Häuser errichten, schlafen die deutschen Firmen.

Nur der Aufbau einer leistungsfähigen Hotellerie wird Ägypten nämlich auf lange Sicht zu einer ernsthaften Konkurrenz für Spanien werden lassen. Zwar bieten gegenwärtig rund 60 deutsche Veranstalter Ägypten-Reisen an, aber auf Grund geringer Kapazitäten nur mit Linienflügen; Zwei-Wochen-Reisen kosten dann schnell über 1500 Mark. Nur zwei Regionalveranstalter fliegen Charterketten nach Kairo: drei Tage ab 308 Mark, eine Woche ab 695 Mark. Wenn man weiß, daß beispielsweise in einer Bungalowsiedlung neben dem Tempel von Abu Simbel der Übernachtungspreis (im Doppelzimmer) ganze zehn Mark beträgt, dann kann man sich ausmalen, wie sich die touristischen Schwerpunkte am Mittelmeer verschieben könnten. Ferdinand Ranft