Neue Signale aus Wladiwostok? Präsident Ford und Leonid Breschnjew haben weitere Schritte in Richtung einer Begrenzung des atomaren Wettrüstens angekündigt. Die Prawda spricht von einem "Wendepunkt", Henry Kissinger von einem "Durchbruch".

Der Jubel des US-Außenministers gilt der Bereitschaft des Kremls, sich erstmals auf eine strategische Gesamtgleichung einzulassen. Bisher hatten die Sowjets nicht ernsthaft über Einschränkungen ihres zahlenmäßigen Vorsprungs an Angriffsraketen und ihrer späten Eigenentwicklung von Mehrfachsprengköpfen (MIRV) verhandelt. Jetzt wollen sie auf die Festlegung von beiderseitigen Höchstgrenzen für interkontinentale Trägersysteme zu Land und auf See sowie vor allem auch für MIRV’s eingehen.

In Wladiwostok wurde den festgefahrenen Salt-Verhandlungen ein neuer politischer Anstoß und ein neuer Fahrplan gegeben. Es ging auch darum, zu demonstrieren, daß der amerikanisch-sowjetische Entspannungsschwung nicht erlahmt ist. Noch handelt es sich indes nur um allgemeine Richtlinien für die Genfer Unterhändler. Noch müssen erst Nägel mit Köpfen gemacht und die Dinge ins reine und kleine geschrieben werden. Auf die vielen Teufel in den Details werden sich jetzt hüben wie drüben kalt rechnende Experten und eng denkende Militärs stürzen. "Wir haben das Schlimmste überwunden", meinte Kissinger, "wenn wir die technischen Probleme lösen können, die mit der Durchführung der getroffenen Übereinkunft verbunden sind."

Dieses "wenn" Kissingers darf nicht übersehen werden. Schon einmal verhieß er einen Durchbruch, der dann nicht stattfand. Schon mehrmals versprach er den Sowjets Entspannungsware, die dann wegen der Widerstände im US-Kongreß nicht geliefert werden konnte. Das Ja-Wort des skeptischen Senats zum jüngsten Paket von Wladiwostok wird von drei noch ausstehenden Antworten abhängen: Inwieweit kommen die neuen Höchstzahlen für Angriffraketen der Forderung nach quantitativer Ausgewogenheit entgegen? In welchem Verhältnis zur erlaubten Raketenzahl muß die zugelassene Zahl von MIRV’s stehen, um die bedeutend größere Sprengwirkung der sowjetischen Interkontinentalraketen zu neutralisieren? Wie läßt sich die von Satelliten nicht mehr festzustellende MIRV-Bestückung von Raketen überhaupt noch kontrollieren?

Fest steht jedenfalls auch nach Wladiwostok, daß in den nächsten zehn Jahren strategisch nicht abgerüstet, sondern – im besten Fall – kontrolliert weitergerüstet wird. So bleibt der ganze bedrohliche Rüstungsbereich der land- und luftbeweglichen Raketenabschußrampen vom bejubelten Ergebnis von Wladiwostok ausgeschlossen. – Kein neuer Anlaß zum Verzweifeln, aber ein Grund mehr für alte Zweifel. A.K.