Von Adolf Metzner

Vor 75 Jahren, also ein Jahr vor der Jahrhundertwende, erschien im deutschen medizinischen Schrifttum ein Beitrag des schwedischen Internisten Professor Henschen, der eigentlich sensationell hätte wirken müssen. Henschen hatte schon seit 1897 schwedische Skilangläufer systematisch untersucht und dabei festgestellt, daß sie gegenüber "Normalpersonen" ein deutlich vergrößertes Herz aufwiesen.

Seine Untersuchungsmethoden waren, verglichen mit den heutigen apparativen, diagnostischen Möglichkeiten fast primitiv. Ihm stand nur die Perkussion zur Verfügung, das heißt die Beklopfung des auf den Brustkorb aufgelegten Mittelfingers der linken Hand mit dem der rechten. Dabei ergibt sich über dem muskulösen Herzen eine Dämpfung gegenüber den luftgefüllten Lungen. Der Vergleich mit dem Kellermeister, der durch Beklopfung der Fässer feststellt, wieviel Wein sie enthalten, drängt sich auf. Allerdings unterscheidet der Mediziner noch die relative und die absolute Herzdämpfung, da das Herz noch teilweise von Lungengewebe überlagert ist. Die Organe des Menschen im Brust- und Bauchraum sind nämlich miteinander geradezu genial "verpackt".

Man könnte einwenden, warum hat Henschen noch nicht die Röntgenstrahlen benutzt, die damals doch schon entdeckt waren und eine viel größere Eindringtiefe besitzen als die Perkussion. Nun, die X-Strahlen waren damals zwar von Röntgen bereits im Laborversuch entdeckt, aber praxisreife Apparate gab es noch nicht. Die Ärzte aber beherrschten die Kunst der Perkussion ebenso wie die der Auskultation, das heißt des Abhorchens, womit Herzfehler diagnostiziert werden konnten, in der Ära ohne Röntgengeräte und ohne Herztonschreibung meistens noch perfekt. Heute haben Apparate ihre Überlegenheit längst erwiesen, wozu noch die Schreibung der Herzstromkurve gehört, deren Domäne aber vor allem der Zustand der Herzmuskulatur und etwaige Rhythmusstörungen sind.

Henschen deutete auch bereits die Vergrößerung des Herzens bei Skilangläufern als einen physiologischen Anpassungsvorgang und nicht als ein pathologisches Geschehen durch Überforderung.

Gerade hierüber hat es noch lange heftige wissenschaftliche Diskussionen gegeben. Sie wurden manchmal zu ideologischen Fehden, da Sportanhänger und Sportgegner unter den Ärzten bei den Kongressen aufeinander prallten.

So schwankte das Charakterbild des Sportherzens zwischen krankhafter Reaktion und physiologischem Anpassungsvorgang in der Geschichte. Sportherz, das muß noch gesagt werden, bedeutet dabei nicht Herz des Sportlers schlechthin, also nicht Sportlerherz, sondern gemeint ist das vergrößerte Herz des Ausdauersportlers.