Hans Gerling gefährdet jetzt auch seine Versicherungsgruppe

Von Rudolf Herlt

Mit zwei landläufigen Vorurteilen ist in der vergangenen Woche gründlich aufgeräumt worden – mit der Ansicht, daß der Vergleich bei der zusammengebrochenen Herstatt-Bank so gut wie sicher, der Konkurs damit abgewendet sei, und daß Hans Gerling, Mehrheitsaktionär, Aufsichtsrats- und Verwaltungsratsvorsitzender bei Herstatt sowie Alleinherrscher über die drittgrößte deutsche Versicherungsgruppe, den Kampf um seine Stellung als Oberbefehlshaber bereits eingestellt habe. Das Gegenteil ist richtig, Hans Gerling kämpft mit zäher Verbissenheit weiter um die Alleinherrschaft in seinen Versicherungsgesellschaften, und wenn es bei Herstatt dennoch zu einem Vergleich kommen sollte, dann trotz Hans Gerling.

Dabei schienen alle Weichen so gestellt zu sein, daß die 8000 Herstatt-Gläubiger mit beachtlichen Vergleichsquoten rechnen konnten. Ein Treuhand-Konsortium mehrerer Banken unter Führung der Westdeutschen Landesbank und der Deutschen Bank hatte am 2. Oktober 1974 in einem Rahmenvertrag mit Hans Gerling vereinbart, 50 Prozent der Anteile an den Versicherungsgesellschaften zu übernehmen und dafür 200 Millionen Mark zu zahlen. Hans Gerling hätte die Summe in einen Hilfsfonds zur besseren Befriedigung der Herstatt-Gläubiger einbringen sollen. Die Banken hatten ihm diese Brücke gebaut, weil sie Schaden von unserer Wirtschaftsordnung abwenden wollten. Sie fürchteten, die Vertrauenskrise im privaten Bankgewerbe könnte auf den Versicherungsbereich übergreifen.

Hans Gerling hat diese Brücke nicht betreten. Erst wollte er die 200 Millionen nur in die Vergleichsmasse einbringen, wenn Gläubiger, Vergleichsverwalter und Abwickler gewisse Bedingungen erfüllen. Mitglieder des Treuhand-Konsortiums erinnern sich, daß Gerling in jenen ersten Novembertagen alles Mögliche versucht hat, den Rahmenvertrag zu unterlaufen. Am Sonnabend, dem 16. November, lief um 18 Uhr die Frist ab, bis zu der er verbindlich erklären sollte, daß er der Errichtung eines Hilfsfonds zustimmt und seinen Beitrag dazu in Höhe von 200 Millionen leisten wird.

Doch am 12. November hielt es ihn nicht länger in Köln. Den Treuhand-Banken hinterließ er nur die karge Nachricht, es lägen konkrete Angebote aus dem Ausland vor, Anteile an seiner Versicherungsgruppe zu übernehmen. Über Frau Gerling wurden die Bankiers in dem Glauben bestärkt, Hans Gerling sei zu dem Zweck nach Toronto geflogen, diese potentiellen Partner zu treffen. Telephonische Zwischenberichte der in Köln zurückgebliebenen Ehefrau nährten die Hoffnung, Gerling werde "einen Partner mitbringen". Einen Tag vor Ablauf der Frist erfuhren die Bankiers, daß es ungewiß sei, ob Gerling das Flugzeug erreichen werde, das ihn rechtzeitig nach Köln zurückbringen sollte.

Es geht um 200 Millionen