Erdöl aus der Nordsee – die Claims sind abgesteckt, die Ölsucher sind ständig unterwegs und alle paar Monate melden sie, wie erst kürzlich, daß sie wieder einmal fündig geworden sind. Für den, der nur von weitem hinsieht, hat es den Anschein, als sei hier, gleich vor der Haustür, eine Quelle erschlossen, aus der die Anlieger einen erquickenden ölschluck nehmen können, um dann der OPEC wenigstens ein bißchen die Zunge herauszustrecken.

Aber auf den Optimismus, der sich seit der Entdeckung des ersten abbauwürdigen Ölfeldes im Jahre 1969 verbreitet hatte, folgt zunehmend Ernüchterung, so daß die englische Zeitschrift New Scientist (17. 10. 74) sogar die skeptische Frage stellte, ob die "Seifenblase Nordsee-Öl" vielleicht demnächst platzen werde.

Für solche Skepsis gibt es gute Gründe. Die Finanzierung der aufwendigen Exploration und der noch weit kostspieligeren Förderanlagen erweist sich als schwierig. Dabei spielen die technischen Schwierigkeiten der Ölgewinnung in großen Wassertiefen eine entscheidende Rolle, Schwierigkeiten, mit denen sich kürzlich in London eine Konferenz von Ingenieuren befaßte.

Zwei Typen von Förderanlagen stehen zur Diskussion: Bohrinseln, die auf einem festen Betonfundament ruhen, aber nur in Wassertiefen bis 100 Meter verwendbar sind, und schwimmende Plattformen, die man mit Kabeln im Meeresboden verankert.

Zwei feste Bohrinseln sind schon installiert, fünfzehn weitere sind im Bau, und in einigen Monaten soll das erste Öl aus britischen Feldern fließen. Aber die Ingenieure, die sich in London versammelt hatten, stellten einmütig fest, daß ihnen zur Konstruktion standfester und zuverlässiger Inseln eigentlich all jene Daten fehlen, die ein Ingenieur nun einmal zum Konstruieren braucht. Bodenbeschaffenheit, Winddruck und Wasserdruck durch Wellengang und Gezeitenfolge – das sind die drei wichtigsten Komponenten, und darüber gibt es einstweilen nur unzureichende Daten. Alle Konstruktionen, die jetzt geplant und gebaut werden, beruhen auf lückenhaften Messungen und auf Modellexperimenten im verkleinerten Maßstab – beides zusammen reicht nicht aus, um die komplexen Wirkungen der starken Kräfte auf eine teils über, teils unter Wasser befindliche Bohrinsel mit der sonst branchenüblichen Genauigkeit zu errechnen. Wind und Wellen und die Strömungen unterhalb des Wellenbereiches sind in ihren Zusammenwirkungen schwer zu erfassen, dazu kommen die Gegenkräfte, die das Bauwerk selbst auf das andrängende Wasser ausübt, und noch verwickelter wird die Rechnung dadurch, daß man die Wechselwirkung des belasteten Betonfundaments mit dem Untergrund einkalkulieren muß: Die Insel wird von den Wellen im rhythmischen Wechsel jeweils einseitig gehoben und gesenkt, ihr Fundament mahlt gewissermaßen im Untergrund; dadurch "ermüdet" der Boden, das Porenwasser wird abwechselnd ausgepreßt und eingesogen, es kann zu Fließbewegungen kommen und das Bauwerk kann sich immer tiefer eingraben.

Bei schwimmenden Plattformen, wie man sie vor allem in den größeren Wassertiefen (bis über 200 Meter)der nördlichen Nordsee brauchen wird, gibt es diese Probleme nicht im gleichen Maße, ihre Kabel-Beine lassen sich leichter verankern. Aber auch auf diesem Weg kommt man langsamer voran, als den eiligen Öl-Leuten recht ist. So hat denn inzwischen ein drittes Verfahren große Chancen gewonnen, nachdem es vor der tunesischen Küste mit Erfolg getestet worden ist:

Bei diesem Verfahren bildet das Pumpaggregat eine kompakte Einheit, die dem Bohrloch unmittelbar aufliegt; mehrere solcher Einheiten sind durch Pipelines mit einer Sammelpumpe verbunden, mehrere Sammelpumpen wiederum mit einer feststehenden Förderinsel, bei der die Tanker anlegen können. Ein großer Teil der empfindlicheren Apparaturen ist damit dem Einfluß von Wetter und Wellen weitgehend entzogen, und die einzelnen Aggregate lassen sich bei Bedarf von einem Spezialschiff aus leicht austauschen. Solche Anlagen würden einen großen Zeitgewinn bedeuten, denn sie lassen sich weit schneller installieren als die großen Bohrinseln.

Spätestens bei diesem, von den Experten als zukunftweisend angesehenen Verfahren taucht indes die Frage der "Um weit Verträglichkeit" der Ölförderung in der Nordsee auf: Viele kleine Bohrlöcher tief unter Wasser mit austauschbaren Pumpaggregaten – der Gedanke an Lecks und Lachen, an sprudelndes Öl am Nordseeboden, liegt da nicht fern. Daß jene Londoner Ingenieur-Konferenz die Frage der Öl-Verschmutzung nur ganz am Rande streifte, bedeutet nicht, daß es sie nicht gäbe, sondern läßt nur vermuten, daß bei der Eile, mit der hier entworfen und gebaut werden soll, die ökologischen Fragen, wieder einmal, hinter den ökonomischen zurückstehen müssen. So erscheint denn die Öl-Förderung in der Nordsee wirtschaftlich und technologisch als eine Gleichung mit vielen Unbekannten und ökologisch als eine Lotterie, bei der nicht weniger auf dem Spiele steht als die "Gesundheit" der ganzen Nordsee. Jürgen Dahl