Mit einem hochgezüchteten Steuersparmodell wollte Jungunternehmer Jochem Erlemann aus Köln 10 Millionen Mark an Steuergeldern für seine Kunden in Aktienvermögen umwandeln. Jetzt mußte er tief in die eigene Tasche greifen, um die Kunden seiner Europäischen Treuhand AG & Co KG vor schweren Verlusten zu bewahren. "Hund eine halbe Million Mark habe ich in den Sand gesetzt", gesteht der 36jährige Vermögensberater und Dr. rer. pol. Doch der Schlag, der ihn beinahe seinen Ruf und seinen Vater, den Inhaber des größten Damenoberbekleidungsausstellers Igedo, einen mehrstelligen Scheck "im Rahmen eines familieninternen Ausgleichs" kostete, scheint sich für den Kleinen unter den fünf Großen der Kölner Abschreibungsprominenz als Sprungbrett für eine erneute Karriere zu erweisen.

"Zum erstenmal verkaufe ich, ohne einen Pfennig für Werbung auszugeben", strahlt Erlemann. Während hohe Zinsen, Skandale und Wohnungshalden vielen Anlageberatern das Leben schwer machen, läuft bei der Europäischen Treuhand das Geschäft auf vollen Touren. Kunden und Konkurrenten sind verblüfft. Statt Ärger und finanzieller Verluste, wie in der Abschreibungsbranche üblich, erhielten die Kunden der Europäischen Treuhand nicht nur ihre Kapitaleinlage in voller Höhe rückerstattet, sondern – auf freiwilliger Basis – das volle Agio (Vertriebsspesen) sowie zusätzliche Festgeldzinsen auf den Gesamtbetrag erstattet. "Mit diesem Verhalten", so Erlemann, "glauben wir, korrekt und kaufmännisch vernünftig zu handeln."

Die versprochenen Steuervorteile von 270 Prozent konnte er ihnen jedoch nicht geben. Sein Steuersparmodell, ein Superfonds, der es ermöglichen sollte, erstklassige börsennotierte Wertpapiere voll über ersparte Steuern zu finanzieren, fiel beim Finanzamt durch. Geplant war der Ankauf und die Rückvermietung von Bierfässern, Kabeltrommeln und anderen "geringwertigen Wirtschaftsgütern", deren Anschaffungskosten sofort in voller Höhe abgeschrieben werden können und zur Entstehung extrem hoher Verluste führen, wenn gleichzeitig auf Kredit gekauft wird.

Doch statt auf den dafür vorgesehenen Paragraphen 6 Abs. 2 des Einkommensteuergesetzes verwies das Finanzamt auf den Paragraphen 6 Abs. 1 Steuanpassungsgesetz (durch willkürliche Gestaltung des Bürgerlichen Rechts kann die Steuerpflicht nicht umgangen oder gemindert werden). Erlemann, der meinte und durch Gutachten bestätigen ließ, daß seine Konstruktion steuerrechtlich praktikabel sei und diese Bestätigungen an Kunden verschickte, erhielt "ohne Begründung und diktatorisch" barsche Anweisung vom Steuerbeamten Röber aus dem Finanzamt Köln-Mitte: "Ich fordere Sie hiermit auf, die bisher schon (vom Wirtschaftsprüfer) erteilten Verlustzuweisungsbescheinigungen unverzüglich zurückzuziehen und untersage Ihnen, ohne meine Genehmigung weitere Bescheinungen zu erteilen."

Derart in die Zange genommen, beschlossen Erlemann und Dr. Josef Augstein, Vorsitzender des Aufsichtsrates, die Notbremse zu ziehen und "den Weg des geringsten Widerstandes zu wählen". Ihr Beschluß ging wenige Tage später als Sensation der Abschreibungsbranche" (ein Konkurrent) bei den Fondskunden ein: "Wider Erwarten haben sich Probleme bei der Beschaffung der finanzamtlichen Bescheinigung ergeben, ohne die eine Investition der von Ihnen gezeichneten Beträge zu riskant erscheint. Die Geschäftsführung hat daher beschlossen, den § 11 des Gesellschaftsvertrages anzuwenden, keine Mittel für den Erwerb dieser Beteiligung freizugeben und den Zeichnungsbetrag an die Zeichner zu erstatten."

Von der Möglichkeit, ihr Recht auf dem Prozeßwege durchzusetzen, wurde verzichtet. "Die Kunden wären sauer geworden, hätten keine Verluste anerkannt bekommen, und der Vertrieb wäre abgesprungen", meint der Vertriebschef des Unternehmens. Zwar lag das Geld der Kommanditisten unangetastet unter Obhut eines Notars, aber Anlageberater zwischen Flensburg und Konstanz hatten mittlerweile mehrere Millionen Mark für den Fonds eingesammelt und forderten ihr Honorar. Anwaltskosten, Steuerberater, Prospekte, Inserate, Reisen und Angestellte mußten bezahlt werden. "Monatelang umsonst gearbeitet", stöhnte Erlemann.

Daß er sich trotz dieser Belastungen auch zur freiwilligen Zahlung des Agios und der Festgeldzinsen entschloß, ist nicht nur "die logische Konsequenz unternehmerischer Strategie", wie Erlemann behauptet, sondern entspringt handfesten Interessen. Zusammen mit den Schecks gingen seinen Kunden neue Zeichnungsunterlagen für ein Beteiligungsprojekt zu: fünf Ranches in Kalifornien, wieder mit hoher Verlustzuweisung, diesmal jedoch mit beiliegender Bescheinigung des Finanzamts.