Auch in Frankreich fehlt das Geld für die versprochenen Reformen

Von Klaus-Peter Schmid

Valery Giscard d’Estaing ist noch einmal davongekommen. Die große Streikwelle im öffentlichen Sektor ist gebrochen, die Privatwirtschaft ließ sich nicht vom Kampfbazillus anstecken. Zwar warten in Paris noch 50 000 Tonnen Post darauf verteilt zu werden, doch in der Provinz sind die Briefträger schon unterwegs. Die Züge verkehren wieder nach Fahrplan; die Strom- und Gasversorgung ist normalisiert. Und die Müllmänner rückten sogar mit Bulldozzern an, um die Hauptstadt vom Abfall zu befreien.

Doch zum Jubel hat Frankreichs junger Staatspräsident keinen Grund. Sein erklärtes Ziel, der Wandel, ist in weite Ferne gerückt. Giscard hat kein Geld für Reformen und die Franzosen sind des bloßen Geredes vom changement nach einem halben Jahr längst müde. An die Stelle des Handels ist eine neue Vokabel gerückt: die Krise.

Schon lange ging es Frankreichs Wirtschaft nicht mehr so schlecht wie im Spätherbst 1974. Die Zeichen stehen auf Sturm:

  • Die jährliche Inflationsrate hatte Ende September 14,8 Prozent erreicht. Sie war damit mehr als doppelt so hoch wie in der Bundesrepublik (7,3 Prozent).
  • Die Arbeitslosigkeit, in Frankreich weit mehr gefürchtet als die Inflation, war seit 1940 nicht mehr so hoch wie heute. Ende Oktober suchten 630 000 Franzosen vergeblich eine Beschäftigung.
  • Die Handelsbilanz wies allein im ersten Halbjahr 1974 ein Defizit von zehn Milliarden Francs auf, bis Ende Dezember wird sich das Defizit mindestens verdoppeln. Die Devisenreserven bleiben nur dank einer hemmungslosen Auslandsverschuldung unangetastet.
  • Die ungleiche Verteilung der Einkommen und vor allem die Existenz eines Heers von Kleinverdienern birgt weiter sozialen Zündstoff, der jederzeit zu neuen Streikwellen führen kann.

Das sind Zahlen, die keiner gern nennt, obwohl sie fast jeder kennt. Seit September haben die Zukunftserwartungen der Unternehmer in Industrie und Handel nach einer Untersuchung der amtlichen statistischen Behörde INSEE einen absoluten Tiefststand erreicht. Der Unternehmerverband CNPF erklärte dazu: "Heute hat sich die Prognose eines brutalen Tendenzumschwungs bestätigt." Die Zahl der Konkurse lag im letzten Monat in Paris um 80 Prozent über dem Stand des Vorjahres. Doch trotz der Rezession ist das Übel Nummer eins, die Inflation, weiter ungebrochen. Verzweifelt mahnte Giscard bei seiner jüngsten Pressekonferenz: "Die französische Gesellschaft würde eine zweistellige Inflationsrate auf die Dauer nicht akzeptieren. Sie ginge daran zugrunde."