Etliche Banken erhielten in diesen Tagen ein vervielfältigtes Schreiben von Bodo B. Sehm aus Hamburg, in dem er sich als "alleinvertretungsberechtigtes Vorstandsmitglied" der am 6. September 1974 gegründeten Hanseatischen Grundbesitz AG, Hamburg, vorstellt. "Von einem Geschäftsfreund, den ich in der Angelegenheit der o. a. Gesellschaft ansprach, wurde mir empfohlen, mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen", heißt es in seinem vom 15. November 1974 datierten Brief, eine Formulierung, die an längst überwundene IOS-Zeiten fatal erinnert. "Mit Ihrer Bank strebe ich eine Geschäftsbeziehung an", erläutert Sehm den Grund seines ungewöhnlichen Schreibens.

Normalerweise besitzt eine Aktiengesellschaft, wenn sie gegründet worden ist, bereits eine Bankbeziehung. Dies scheint jedoch bei der Hanseatischen Grundbesitz AG (heutiges Grundkapital 100 000 Mark) nicht der Fall zu sein. Dabei hat das Unternehmen große Pläne. In wenigen Tagen, so ist dem Schreiben an die Bankiers zu entnehmen, will die Gesellschaft mit einem Prospekt an die Öffentlichkeit treten, der die Zeichnung von Grundbesitz-Aktien im Nennwert von 160 Millionen Mark zum Gegenstand hat. Kommt das Geld tatsächlich zusammen, würde die Grundbesitz AG mit einem Schlag in die führenden deutschen Aktiengesellschaften aufrücken. Die neuen Aktien sollen durch Anlageberater "in ganz Deutschland" sowie gegebenenfalls durch Banken vertrieben werden. Für die Verkäufer eine lukrative Sache. Sehm bietet ihnen nach eigenen Angaben eine Provision von 12 Prozent. Deshalb werden die Aktien auch zum Kurs von 115 Prozent verkauft werden.

Einzuzahlen ist der Gegenwert der zu erwerbenden Aktien auf das Konto eines Hamburger Wirtschaftsprüfers bei der Dresdner Bank AG, Hamburg. Wohlgemerkt: Die Konsortialabteilung der Dresdner Bank, die sich mit Aktieninvestitionen der von dem Institut betreuten Unternehmen befaßt, ist hier nicht eingeschaltet. Die Dresdner Bank kann deshalb auch nicht als "Leumund" herangezogen werden.

Dem Exposé des Zeichnungsprospektes für die Aktienemission ist zu entnehmen, daß die Hanseatische Grundbesitz AG Renditeobjekte/Miethäuser auf Zwangsversteigerungen erwerben und anschließend verwalten will. "Denn niemals konnten wertvolle Renditeobjekte wie Miethäuser und andere bebaute Grundstücke so preiswert erworben werden wie heute", wird in dem Prospekt behauptet.

Und weiter: "Die Hanseatische Grundbesitz AG bietet die Möglichkeit, auf der Basis einer kapitalstarken Aktiengesellschaft solche Rendite-Objekte als Wert- und Ertragsanlage zu erwerben, und zwar ohne die Inanspruchnahme teurer Fremdfinanzierung. Denn schon durch den Erwerb einer einzigen Aktie hat jeder Aktionär Mitbesitz an Häusern und Grundstücken erworben, die er allein nicht finanzieren könnte. Eben darin besteht das Neuartige und Besondere der Hanseatischen Grundbesitz AG."

So neuartig, meine verehrten Leser, ist der Zusammenschluß vieler am Immobilienbesitz interessierter Geldgeber nun wirklich nicht. Denken Sie bitte an die stürmische Entwicklung, welche die zahlreichen offenen und geschlossenen Immobilienfonds in den letzten Jahren genommen haben.

Die offenen Immobilienfonds unterliegen allerdings den strengen Spielregeln des Gesetzes über Kapitalanlagegesellschaften. Darin wird festgelegt, in welchem Umfang das Vermögen der Anleger gestreut werden muß, wie die im Fonds liegenden Immobilien zu bewerten sind, und auch daß jederzeit eine Liquiditätsreserve gehalten wird, um rückfließende Anteile aufnehmen zu können. Die Geschäftsführung der Fonds steht unter ständiger Aufsicht des Bundesaufsichtsamtes für das Kreditwesen.