Brandts Vorstellungen enthalten noch andere Unklarheiten. Wie etwa sollen die Entscheidungsprozesse verlaufen, wenn die Gemeinschaft plötzlich aus zwei Gruppen besteht? Müssen Kommission und Rat dann getrennte Aktionen einleiten – einmal für die Starken, zum anderen für die Schwachen? Gerät mit der Spaltung in zwei Klassen nicht das ganze institutionelle Gebäude ins Wanken? Und wird nicht das politische Gefüge des Neuner-Clubs gesprengt? Ohnedies: Wer glaubt schon, daß eine wirtschaftspolitische Sonderung der Schafe von den Böcken auch auf allen anderen Gebieten durchschlüge? In außenpolitischen oder energiepolitischen Fragen könnten sich ganz andere Koalitionen bilden.

Schließlich bleibt zu fragen, welchen Status Engländer und Italiener eigentlich erhalten sollen (die Iren und Dänen hat Brandt glatt zu erwähne vergessen). Müssen sie weiterhin in die Gemeinschaftsfonds zahlen – und wenn ja, wieviel? Sollen sie auch nach der Abstufung Regional- und Sozialhilfe erhalten? Oder soll etwa der Begriff der Solidarität nun vollends zum europäischen Fremdwort werden?

Nein, hörte Europa auf Willy Brandt, würde den verderblichsten Sonderwünschen der Mitgliedsländer Tür und Tor geöffnet, das feingewirkte Interessengewebe der Neun zerrissen. Die Zollschranken würden wieder niedergehen in Europa, die Niederlassungsfreiheit geriete in Gefahr, Kontingentierungen im gemeinschaftsinternen Handel wären unvermeidbar. Der Konvoi der Minderbemittelten, der von der europäischen Geleitzugspitze abgehängt werden soll, würde wahrscheinlich nie wieder nach vorn aufschließen können. Das soziale und wirtschaftliche Gefälle in Europa würde sich vergrößern und am Ende auch den wohlhabenderen Ländern gefährlich werden. Funktionsunfähigkeit würde zum Zerfall führen.

Nicht umsonst hat Bundesaußenminister Gen-, scher betont, daß es gerade jetzt und trotz aller Rückschläge darauf ankommt, die Gemeinschaft in ihrer bisherigen Form mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. Daraus spricht nicht nur der Ärger des vom SPD-Vorsitzenden übergangenen Ressortministers, sondern europäische Vernunft. Auch Bundeskanzler Schmidt hat die vagen Ideen seines Amtsvorgängers nicht eben überschwenglich begrüßt; erst nach mehreren "Klarstellungen" Brandts ließ er mitteilen, er könne die Pariser Rede vertreten. Der Text hatte Schmidt übrigens vorgelegen; angeblich warnte der Kanzler Brandt vor der Verwendung des Begriffs "abkoppeln".

Vielleicht hat Brandt ja das Undenkbare denken, das Unsagbare sagen wollen, um Briten und Italiener zum europäischen Handeln zu provozieren: gleichsam als Wink mit dem Messer. Um Wirkung zu erzielen, hätte er es freilich geschickter, präziser, durchdachter anfangen müssen. So bleibt die Frage, wer eigentlich in Bonn Europapolitik macht – und welche.