Von Petra Kipphoff

Wenn es um ihren Turner geht, dann werden die Engländer sehr deutlich: Von einem "Genie erster Klasse" ist die Rede (Kenneth Clark in "Civilisation"), vom "unzweifelhaft größten Maler, den England je hervorgebracht hat" (Evelyn Joll in der "Times"), von dem Anlaß für ein kleines "patriotisches Hochgefühl" (Nigel Gosling im "Observer") und schließlich auch davon, daß nur ein Engländer vor Turner, daß nur William Shakespeare von vergleichbarem Talent gewesen sei (Lawrence Gowing in der "Sunday Times").

Mit all diesen Feststellungen, die schließlich von Fachleuten stammen, hat es durchaus seine Richtigkeit. Aber da im englischen Denken und Sprechen superlativische Girlanden eigentlich nicht gedeihen, liegt die Vermutung nahe, daß es sich hier um die Jubelrufe einer in Sachen bildender Kunst von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Nation handelt. Und tatsächlich haben englische Künstler und englische Kunstliebhaber sich ja immer am kontinentalen Kunstgeschehen orientiert, an Frankreich vor allem und Italien. Daß Kontinental-Europäer möglicherweise Hogarth oder Reynolds oder Gainsborough zwar nicht höher, aber vielleicht mehr schätzen als Turner, würden Engländer ein bißchen niederträchtig finden, denn in der Tat sind die ersteren eher insulare Erscheinungen, wohingegen man den späten Turner auch den ersten Impressionisten nennen kann. –

Aus Anlaß des 200. Geburtstags von James Mallord William Turner (er wurde im April 1775 im Covent-Garden-Distrikt geboren) haben die Royal Academy (in diese renommierte Institution aufgenommen zu werden, gelang Turner im Alter von 24 Jahren, und das war die untere Altersgrenze für eine Akademiemitgliedschaft) und die Tate Gallery (in deren Besitz sich fast alle Ölgemälde aus dem Turner-Nachlaß befinden) in Burlington House, dem Sitz der Akademie, eine Ausstellung zusammengetragen, die wohl wirklich alles übertrifft, was dort (und vielleicht auch in England) jemals einem Künstler an Ehre zuteil geworden ist. In zwanzig Sektionen sind die 650 Bilder, Zeichnungen, Aquarelle, Skizzenbücher und Radierungen von Turner sowie die 150 biographischen Dokumente ausgebreitet. Es ist alles ein bißchen viel, aber wiederum wenig, wenn man bedenkt, was Turner der Nation (sie war und ist, seinem Testament gemäß, der Haupterbe) und der Welt hinterlassen hat: über 19 000 Zeichnungen und Aquarelle, 250 Skizzenbücher, 500 Ölgemälde, 800 Radierungen (und ein langes moralisches Gedicht mit dem Titel "Das Trügerische der Hoffnung").

In dieser superlativischen Ausstellung, die durch einen hervorragenden, lesbaren, preiswerten Katalog ergänzt wird, gibt es nur eine Lücke: Es fehlt eine kleine, aber feine Anzahl entscheidender Turner-Bilder aus der National Gallery: "Rain, Steam and Speed" und "The Fighting Temeraire". Von der Royal Academy geht man geradeaus (Piccadilly), rechts (Haymarket), links (Trafalgar Square) knapp zehn Minuten zur National Gallery: Die Ausleihpolitik von Museumsdirektoren . ist ein Stück Psychopathologie. Und in diesem Falle ist es auch ein Akt im Gegensinn zu Turner, dessen erklärter Wunsch es war, alle seine Bilder (seine "Kinder", wie er sagte) vereint zu sehen, dessen Wunschtraum ein Turner-Museum war und der eigentlich in die Leinwand seines "Dido"-Bildes eingewickelt beerdigt werden wollte. Auf seine stille, völlig einseitige Weise war Turner ein totaler Exzentriker.

William Turners erste Skizzen und Zeichnungen stellte sein Vater, der Barbier und Perückenmacher war, stolz in seinem Schaufenster aus und verkaufte sie für ein paar Pennies. Mit dem Vater, der dem berühmten Sohn später auch den Haushalt führte, blieb Turner ein Leben lang zärtlich verbunden; die Kondition der Mutter, die wegen zunehmender Geistesgestörtheit ins Bethlem Hospital eingeliefert wurde und dort starb, soll ihn so langfristig milde verstört haben, daß er sich zwar Haushälterinnen und Witwen gönnte, eine Ehefrau aber nicht zumuten mochte.

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