Von Dietrich Strothmann

Berlin, im November

Nun soll der Bischof Kurt Scharf wieder an fast allem schuld sein: Daran, daß sich in der Stadt die Anarchie ausbreitet, daß der Kammergerichtspräsident von Drenckmann erschossen wurde, daß in der Kirche ein Notstand ausgebrochen ist. So einfach ist das, schenkt man den Kommentaren der Kritiker Scharfs Glauben, die nach seinem Besuch bei Ulrike Meinhof, nach dem Mordanschlag und nach der vorläufigen Festnahme der beiden Kirchenmitarbeiter Undine Zühlke und Cornelius Burghardt in Berlin die Runde machen. Das geht dann, wie gehabt, so:

Weil es Scharf zuließ, aus "törichter Schwärmerei und mißverstandener Nächstenliebe", daß "revolutionäre Christen mit Wissen der Kirchenleitung im Kirchenleben und bei den inhaftierten Terroristen eine führende Rolle spielen", "erfüllte er die Bedingungen von Ulrike Meinhof", ließ er den Geist gewähren, "aus dem der Terror kommt", verhinderte er nicht, daß "das Evangelium als Gebrauchsanweisung für den Einsatz von Molotowcocktails" mißbraucht wurde. So unter anderem der Bayernkurier.

Weil derselbe Kurt Scharf – der "bald altenblind, kraftlos und starrsinnig allein im Gestühl sitzt, mit Marx in der Hand statt der Bibel" – als "freundlicher Mensch" zwar, doch "flau-flauamen" seine Kirche zum "Tanzpalast der Linksputschisten" erniedrigen ließ, wo "Priester als Ministranten der Gewalt, Kassiber-Container", mit "Handgranaten im Talar" agieren dürfen, ist die Kirche "offenkundig in den Aktionskreis der Baader-Meinhof-Bande verstrickt" und also "an ihrer Wurzel bedroht". So die Springer-Presse.

Und weil schließlich dieser Bischof zu jenen "Lauen" zu zählen sei, die "schweigen und damit Terror und Anarchie den Weg ebnen", bestehe die "heutige Not der Kirche", müsse er abtreten; sonst ginge es mit der "Kirche dieser Stadt wie mit unseren verseuchten Gewässern: Bald kippt sie um, und dann ist sie tot". So aus einem von 35 Bekenntnischristen unterschriebenen "Aufruf an die evangelischen Christen Berlins" und aus einer Stellungnahme des Theologieprofessors Ulrich Wickert.

Was ist das nur für ein Bischof, dem dies alles nachgesagt wird, der obendrein von Journalisten und Christen derart an den öffentlichen Pranger gestellt werden kann, ohne daß sich alle, die es besser wissen müssen, sofort schützend vor ihn stellen – die Politiker dieser Stadt, die Verantwortlichen in der Justizverwaltung, die Amtsträger der Kirche, auch die Gemeinden?