Richard J. Herrnstein: "Chancengleichheit eine Utopie? Die IQ-bestimmte Klassengesellschaft"; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1974; 154 S., 25,– DM.

Dieses Buch entstand aus einem von Herrnstein über Intelligenzquotienten veröffentlichten Artikel, der im Atlantic Monthly vom September 1970 erschien. Er entfachte einen Sturm der Entrüstung, fast so vehement wie der Aufruhr, den Jensens berühmte Abhandlung im Harvard Educational Review ausgelöst hatte, obwohl Herrnstein nachdrücklich jeden Zusammenhang mit dem Rassenproblem von sich wies. Artikel und Buch beschäftigen sich mit Oberlegungen, die unter Psychologen seit langer Zeit traditionelles Gedankengut sind. Vor fast einem Vierteljahrhundert habe ich in meinem Buch "Wege und Abwege der Psychologie" auf nahezu die gleichen Tatsachen aufmerksam gemacht, ohne eine annähernd gefühlsbetonte Reaktion zu bewirken, wie sie Herrnsteins und Jensens Veröffentlichungen hervorriefen.

Das Buch, das zweifellos von militanten Verfechtern der Umwelteinflüsse öffentlich gebrandmarkt werden wird, ist geradezu bestürzend orthodox, sachlich und an Tatsachen orientiert. Es setzt sich mit der Natur der Intelligenz und ihrer Erfassung auseinander, mit dem Anteil der Vererbung an den individuellen IQ-Unterschieden und den sozialen Konsequenzen, die sich aus diesen Tatbeständen abzuzeichnen scheinen. Herrnseins These wird in den drei Sätzen, die sein Kapitel über Vererbung und Milieu abschließen, klar dargelegt:

"So scheinen sich also allein schon aus der Erblichkeit des IQ wichtige gesellschaftliche und politische Konsequenzen zu ergeben, die sich je gravierender auswirken, desto höher der Erblichkeitsgrad ist. Da aber der IQ etwas mißt, das sowohl erblich als auch für die Gesellschaft aus wichtigen Gründen notwendig ist, kann man ihn weder als belangloses biologisches Kuriosum noch als rein willkürlichen kulturabhängigen Wertmaßstab abtun. Daß er kein bloßes biologisches Kuriosum ist, beweist seine zukunftsweisende Rolle für die Gesellschaft, daß er kein rein künstliches Kulturprodukt darstellt, seine Erblichkeit."

Herrnstein hat die wichtigsten und sichersten Forschungsergebnisse ausgewählt, die für die Problematik der Messung und Vererbung des IQ von Bedeutung sind. Er hat sie einleuchtend und ohne Umständlichkeit erklärt und ihre Implikationen vorurteilslos diskutiert. Die Leser, werden nicht angehalten zu glauben, wir wüßten die ganze Wahrheit, aber sie erfahren, nach dem heutigen Stand der Wissenschaft, die Wahrheit.

Verständlicherweise ist es unmöglich, auf nur 150 Seiten sämtliche Fakten unterzubringen. Einige Sachverhalte, die Herrnstein unberücksichtigt ließ, finde ich hingegen nicht nur wichtig, sondern zugleich eindrucksvoll. So erwähnt Herrnstein zum Beispiel nicht die Tatsache, daß Kinder, die von früher Kindheit an unter nahezu identischen Bedingungen in einem Waisenhaus aufwuchsen, fast ebenso große Abweichungen bei den IQs aufwiesen wie solche Kinder, die unter höchst unterschiedlichen Bedingungen in ihren Elternhäusern aufgewachsen waren. Das zeigt, daß selbst die denkbar größte Angleichung von Lebensumständen die Unterschiedlichkeit der IQs nicht wesentlich verringert. Tatsächlich entspricht die Verringerung ziemlich genau dem Wert, der sich aus dem genetischen Modell der Intelligenz mathematisch ergibt.

Ferner läßt Herrnstein die Tatsache außer acht, daß Eskimokinder bei Intelligenztests mindestens so gut abschneiden wie Kinder weißer Kanadier, trotz vieler, nachteiliger Gegebenheiten ihres Auf Wachsens und dem Mangel an kultureller Stimulation. Das verdeutlicht, wie absurd die Kritik ist, die sich daran entzündet, daß IQ-Tests von weißen Experten aus der Mittelschicht für weiße Kinder aus eben dieser Schicht entwickelt wurden. Eskimos, die in ihrer natürlichen Umgebung leben, sind weder weiß noch stammen sie aus der Mittelschicht, dennoch schneiden sie ebensogut ab wie die besten weißen Kanadier und oft besser als einige von ihnen. Orientalische Gruppen zeigen sogar eine Tendenz weiße Gruppe zu überflügeln, trotz ihres niedrigeren sozio-ökonomischen Status.