Von Lothar Ruehl

Ein Jahr nach dem jüngsten Nahostkrieg wird immer deutlicher, wie gespannt die Zwangslage Israels zwischen Krieg und Frieden ist; auf die Dauer für Israel unerträglich und international unhaltbar. Es ist weniger die Wiederaufnahme des unterbrochenen Krieges, die in diesen Wochen droht, als vielmehr der Rückfall der Araber in den bis zum Yom-Kippur-Krieg 1973 herrschenden Zustand der Erwartung, daß anhaltende Verweigerung des Friedens, ungeschwächte Feindseligkeit gegen Israel, gelegentliche Kriegführung und die Aufrechterhaltung des Kriegszustandes eines Tages den Sieg bringen würden.

Was auf dem Spiel steht, ist die arabische Verhandlungsbereitschaft, anders gesagt, die Chance der internationalen Diplomatie, einen historischen Kompromiß zwischen Israel, den arabischen Ländern und den Palästinensern zu erzwingen. Es ist schwer, den Wirklichkeitsgehalt der arabischen Wunschvorstellung, der die große Mehrheit der Araber stets den Vorzug sowohl vor dem Krieg als auch vor einer politischen Lösung des Problems Palästina–Israel gegeben hat, zu ermessen, Israels Führung hatte sich ihrerseits mit dieser arabischen Politik des hinhaltenden Widerstandes gegen einen Frieden insoweit abgefunden, als sie auf die militärische Überlegenheit, auf den amerikanischen Schutz, die jüdische Einwanderung und die finanzielle Unterstützung durch die wohlhabenden jüdischen Gemeinden in der westlichen Welt setzte. Mit diesen Mitteln, so hatten die Kabinette in Jerusalem stets angenommen, würde es auch in der Zukunft gelingen, Israel in einer feindlichen Umwelt als Staat zu befestigen, als Gesellschaft auszubauen und nach außen wie im Innern stärker zu machen.

Doch seit Oktober 1973 hatten sich das internationale Umfeld, die strategische Struktur und der diplomatische Rahmen des Konfliktes zuungunsten Israels verändert. Die gegen Israel gerichteten Entschlüsse der jüngsten Vollversammlung der Vereinten Nationen haben dies schroff zum Ausdruck gebracht.

Die Reaktionen Israels auf die New Yorker Veranstaltung mit dem großartig in Szene gesetzten Auftritt Arafats und der Anerkennung der palästinensischen Befreiungsfront als einer legitimen und sozusagen völkerrechtsfähigen Vertretung eines "palästinensischen Volkes" ist verständlich. Aber sie weisen auf den Kern des israelischen Dilemmas: Der jüdische Staat hat die diplomatische und militärische Kontrolle über die Situation und damit die Initiative zur Beherrschung des Konfliktablaufs verloren.

Nachdem Israel schon im Juni 1967 an die Grenzen seiner strategischen Reichweite gestoßen war, wurde im Oktober 1973 deutlich, daß seine militärische Überlegenheit über die arabischen Staaten nicht mehr ausreichte, um schnelle Entscheidungssiege zu erkämpfen und einen Zweifrontenkrieg aus eigener Kraft zu beenden. Es zeigte sich, daß Israel nach nur acht Tagen intensiver Kampfhandlungen von überseeischen Nachschüben abhängig war. Die psychologische Wirkung der unerwartet hohen Anfangsverluste, der hohe Kostenaufwand für die Kriegsführung und die schweren Belastungen für Wirtschaft und Volkseinkommen trafen das Land besonders hart. Unfähig, im Kriegszustand die militärischen "Sicherheitsgrenzen" mit der nötigen Truppenzahl zu schützen und dabei noch Eingreifreserven zur strategischen Entscheidung jederzeit bereitzuhalten, kann Israel die Ausdehnung seines Sicherheitsglacis’ nicht einmal militärisch optimal nützen.

Israel hat nicht die Mittel für eine militärische Machtpolitik gegen eine von der Sowjetunion versorgte und über die Kaufkraft des Erdölreichtums verfügende arabische Koalition, die große Armeen aus der größeren und dazu noch unbeschäftigten Bevölkerungsmasse aufstellen und modern ausrüsten kann. Die arabischen Verluste im Kriege wiegen geringer als die israelischen. Der arabische Materialverschleiß ist leichter zu bezahlen als der israelische, denn die arabischen Geldmittel für den Krieg sind unvergleichlich größer. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Druckmittel der Araber. Der Krieg von 1973 ist ohne Zweifel über die Kräfte des jüdischen Volkes gegangen.