"Zur Theorie der literarischen Produktion – Studien zu Tolstoij, Verne, Defoe, Balzac", von Pierre Macherey. Macherey. Buch, in Frankreich 1966 erschienen, bietet einen grundlegenden und weitreichenden Beitrag zum Problem der Stellung der Ideologie im literarischen Werk. Der Autor, in Deutschland vor allem bekanntgeworden durch seine Mitarbeit an Louis Althussers Schrift "Das Kapital lesen", versucht dingfest zu machen, wie ein bestimmtes ideologisches Projekt seine "Figuration" übersteht – im Falle Jules Vernes etwa die Darstellung des kolonisatorischen Selbstbewußtseins der Bourgeoisie und der beginnenden Industriegesellschaft. Der Schriftsteller "verkörpert, drückt aus, spiegelt wider" – diese bis zum Überdruß abgegriffenen Wortfetische erfahren hier eine präzise Neubewertung. Es besteht kein mechanischer Zusammenhang zwischen Ideologie und deren literarischer Präsentation, ebensowenig wie das – bewußte oder unbewußte – ideologische Projekt eines Autors die Totalität der Widersprüche einer Epoche widerspiegelt. Was "über die Doktrin hinaus" ins Werk eingeht, modifiziert sie, biegt sie um, bringt sie um ihre Geschlossenheit. Lenins Begriffe des "Spiegels" und des "Abbildes" werden aus der vereinfachenden Verballhornung, in der sie heute zumeist auftreten, gelöst und weitergedacht. Kernstück des Bandes ist, neben einer Analyse von Balzacs "Bauern", der Essay über Jules Vernes’ "Geheimnisvolle Insel", in dem Macherey zeigt, wie ein konkret greifbares ideologisches Projekt – das eines modernisierten Robinson des 19. Jahrhunderts und damit das der "Eroberung von Natur" durch eine erobernde Bourgeoisie – umschlägt und in etwas Neues einmündet, in die Demonstration, daß ein "bestimmter Fiktionsstil historisch überholt" ist: Die alte Figur des großen Einzelhelden (Kapitän Nemo) hat ausgespielt und schafft sich selbst ab. (SL 123, Luchterhand Verlag, Neuwied, 1974; 248 S., 14,80 DM.) Hans-Horst Henschen

Anti-Ödipus – Kapitalismus und Schizophrenie I", von Gilles Deleuze und Felix Guattari. "Kapitalismus und Schizophrenie"? Ach du liebe Zeit. Etwa Seite 433: "Wir haben, bezogen auf den Kapitalismus, aufzuweisen versucht, wie dieser als Erbe einer todbringenden transzendenten Instanz des despotischen Signifikanten hervorgeht, sie aber im gesamten Immanenzfeld seines eigenen Systems ausbreitet: der Geldkapital gewordene volle Körper hebt die Trennung von Anti-Produktion und Produktion auf; überall mischt er in der immanenten Reproduktion seiner eigenen, stets erweiterten Grenzen (Axiomatik) Anti-Produktion in die Produktivkräfte..." Nein, aufgewiesen wird hier nichts; wildgewordenes Denken, das Voraussetzungen, Methoden und Problemstellung zu klären verschmäht, kreist kurzgeschlossen in sich selbst und verströmt sich in Kaskaden von Metaphern, unter deren irisierendem Sprühnebel die Umrisse von Thesen verdampfen. Entlarvung des Ödipus-Komplexes als des imperealistischen Komplexes meint: Restituierung des ("elternlosen") Unbewußten als produktiv und nicht bloß repräsentierend, als "Fabrik", nicht als (mythisches) "Theater". Oder auch: Befreiung der "Wunschmaschinen" als Aufgabe der "Schizo-Analyse", die die mit dem Kapitalismus verbrüderte Psychoanalyse abzulösen hat. Wo die erkenntnistheoretische Katze aus dem Sack gelassen wird, geschieht das in naiven Behauptungssätzen "Das objektive Sein des Wunsches ist das Reale an sich." Da läßt sich dann weiterspekulieren: "In Wahrheit ist die gesellschaftliche Produktion allein die Wunschproduktion unter bestimmten Bedingungen." Und: "Der Schizophrene ist der universelle Produzent." Solch realitätsflüchtige Begriffsdichtung auf eigene und fremde Rechnung (etwa Artaud) ist nicht ganz untypisch für das derzeitige intellektuelle Klima in Frankreich. Aber vorzuziehen wäre, wo nicht solide theoretische Arbeit doch wenigstens etwas Information darüber, was Guattari, der Psychiater (Deleuze ist Philosoph), an der Reformklinik De la Borde mit seinen "Schizos" tatsächlich macht und wie die wirkliche Politisierung der Psychiatrie", die hier gefordert wird, praktisch aussieht. (Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1974; 529 S., 48,– DM.) Hans Krieger