Die Insassen der Strafanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel, die Santa Fu genannt wird, spielen Gericht. Sie konstruieren einen Prozeß, bei dem drei "Lebenslängliche" die Rollen der Angeklagten übernehmen und ihren eigenen tatsächlichen Fall noch einmal aufrollen: Nach einer Zechtour hatten sie einen Seemann beraubt und umgebracht. Ihre Mitgefangenen spielen die Richter, Schöffen, Staatsanwälte und Verteidiger. Das ist die Ausgangssituation von Ottokar Runzes Film "Im Namen des Volkes".

Knast also, schon wieder. Knast ist "in": Kunst im Knast, Sex im Knast, Urlaub vom Knast, der "graue Tod" im Knast (Selbstmord, Folter, Gewalttätigkeiten des Vollzugspersonals), Reformen im Knast, Ausbeutung im Knast, Musik, Theater, Film und Fernsehen im Knast, Erinnerungen ehemaliger Knastologen, Gefängnisskandale, die akuten Fälle angeblicher "Isolationsfolter" und "Vernichtungshaft", die Resozialisierung, die Strafvollzugsreform. Wer Zeitungen und Illustrierte fleißig liest, kennt alle Varianten dieses Modethemas, findet oft in den gleichen Blättern die sensationslüsternen Berichte über kriminelle Vorfälle neben der wohlfeilen Entrüstung über unser hinterwäldlerisches Strafsystem.

Wer das Angebot in Fernsehen und Kino aufmerksam verfolgt, wird auch hier neuerdings gleich serienweise mit Knast und Knastologie bedient, von Henri Charrière ("Papillon") bis zu Burkhard Driest ("Die Verrohung des Franz Blum"), von den USA ("Das Glashaus" von Tom Gries, nach einem Buch von Truman Capote) bis in die Schweiz ("Fluchtgefahr" von Markus Imhoof). Gleich drei Fernsehfeatures über Knastprobleme bereitet der WDR zum Jahresende vor: "Lebenslänglich" von Claus-Ferdinand Siegfried, "Resozialisierung von Strafgefangenen" von Günter Krippendorf und "Liebesentzug in Strafanstalten" von Ralph Giordano (es sind bisherige Arbeitstitel). Ein paar Anstalten, das großzügige und fortschrittliche Santa Fu zum Beispiel, wird man bald so genau kennen wie einige Paradebetriebe aus den Sozialfeatures, und einige Gefangene werden uns vielleicht bald so vertraut sein wie die Gesichter bestimmter Arbeiter in Filmen aus Berlin. Das Ambiente wird uns von allen Seiten förmlich aufgedrängt, aber werden uns seine Probleme dadurch klarer?

"Berichte aus dem Knast" heißt Roman Brodmanns Serie von Tatsachenberichten über Verurteilte – skeptisch stimmen einen dabei die reißerischen Titel ("Der Täter kam um Mitternacht", "Das Ende der Bitumenbande") sowie Brodmanns Ausgangspunkt: der Straftäter als "spannungsreiches Beobachtungsobjekt für den Zuschauer". Fernsehspiele wie "Urlaub zur Beerdigung" von Johannes Hendrich (20. September) oder "Paul" von Klaus Lemke (11. November) klagen zwar die Vorurteile der Außenwelt gegen den Knastbruder an, schlagen aber auch Kapital aus diesem, dem Leben entfremdeten, reizvollen "Beobachtungsobjekt".

Der Knast, von außen oder innen gesehen, als ein exotisches Terrain, ausgeschlachtet und als prickelnde Kulisse benutzt, das ist die Gefahr. Genügt es, daß Brodmann, Driest, die WDR-Autoren an unsere Mitverantwortung appellieren und sich gegen Eduard Zimmermanns Verbrecherhatz im ZDF oder gegen die denunziatorischen Klischees üblicher Fernsehkrimis absetzen? Aufgeweckte Insassen in Santa Fu jedenfalls fragen sich inzwischen, ob ihnen diese Knastwelle noch nutzt, ob nicht die aufklärenden, um Verständnis werbenden Intentionen zum leeren Etikett verkommen und am Ende doch nur wieder die alten Vorurteile und negativen Sanktionen bestätigt werden, die Stereotypen von den Schlägern, Schwulen und Asozialen, die ganz gut im Knast aufgehoben sind.

Sie werfen das besonders Reinhard Hauffs Film nach Driests "Die Verrohung des Franz Blum" vor, der, auch teilweise in Santa Fu gedreht, im März im Fernsehen lief und nun parallel zu Runzes Film ins Kino kommt. Ein "Bürgersöhnchen" gibt im Knast schnell seine Freundlichkeit auf, paßt sich dem harten Klima an und macht sich, weil er klüger ist als die anderen, zum Drahtzieher und Nutznießer des erbarmungslosen Systems. Die zynische Schlußformel: Er hat im Gefängnis gelernt, wie er sich "draußen" durchsetzen kann, und wird wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Der Autor Driest spielt den Gegenpart, einen besonders harten Schläger.

Brutale Action-Szenen, eine geschickte Lehrstück-Dramaturgie und eine symphatische Identifikationsfigur sollen Einsichten und Erkenntnisse fördern. Dennoch, mir erscheint der Film zu reißerisch; irgendwann beim Zuschauen absorbiert die effektvolle Machart endgültig die Bereitschaft, hinter die glatte Folie zu sehen, Distanz zu bekommen und über die furchtbaren Hintergründe nachzudenken. Dem Film ist sein Publikum so sicher wie dem Autor Driest die Bewunderung der Intellektuellen, solange er seine rüde, schlaksige Pose bewahrt. (Auch der junge Filmverlag der Autoren hat sein Handwerk schnell gelernt und paßt sich an: er wirbt nicht mit Hauff, Knast oder Sozialpolitik, sondern mit Driests angeblicher Romy-Schneider-Affäre!)