Von Diether Posser

Es wäre unehrlich, etwas vertuschen oder beschönigen zu wollen: Unser Strafvollzug ist immer noch ungenügend. Alte Anstalten, zu wenig Vollzugsbedienstete, vor allem zu wenig Fachpersonal wie Ärzte, Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter oder Werkmeister – das ist weithin die Realität. Dazu kommt menschliches Versagen, das, so vereinzelt es auch sein mag, dennoch den Strafvollzug in Verruf bringt.

Der Grund der Misere liegt jedoch nicht nur in unbewältigten äußerlich-technischen Problemen wie zu wenig Geld, mangelhafte Baukapazität oder fehlendem guten Willen der Verantwortlichen. Der Kern des Problems liegt tiefer: Wir können es in einer Zeit, die weithin ohne Mitmenschlichkeit ist, nur schwer ertragen, mit den Schattenseiten der menschlichen Existenz konfrontiert zu werden und uns dieser Wirklichkeit bewußt zu stellen.

Das Heer der psychisch Kranken, die chronisch Pflegebedürftigen, die Obdachlosen, die armen Alten "verdrängen" wir aus unserem Alltag an den Rand des Daseins, weil sie das Bild einer heilen Welt stören und uns vor unbequeme Fragen stellen. Solche Menschen und ihre Nöte sind lästig, denn sie stören unsere Lebensfreude und unser seelisches Gleichgewicht.

Zu diesem Personenkreis gehören auch die Strafgefangenen. Mit neuen Universitäten, Schulen, Schwimmbädern, Sportanlagen, Kindergärten, Autobahnen kann man allgemein begrüßte Erfolge erzielen. Aber auch mit Gefängnissen, psychiatrischen Anstalten, Obdachlosenunterkünften? Der Aufbau eines Strafvollzuges, der den Anforderungen unseres sozialen Rechtsstaates genügt, wird noch Jahrzehnte dauern. Das auszusprechen, fordert die Redlichkeit. Es wäre aber andererseits falsch, so zu tun, als befänden wir uns noch am Punkte Null. So haben zum Beispiel Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen mangelhafter Bildung und Kriminalität zu beachtlichen Folgerungen für Bildungs- und Ausbildungsmaßnahmen im Strafvollzug geführt.

Erhebungen haben eindeutig gezeigt, daß der Anteil der Gefangenen ohne abgeschlossene Schulbildung weit über dem der Gesamtbevölkerung liegt: 53 Prozent der erwachsenen Strafgefangenen so ergab eine aussagekräftige Stichprobe im Jahre 1973 in Nordrhein-Westfalen – hatten keinen Schulabschluß, waren also nicht bis zum 8. oder 9, Schuljahr gelangt. Fast 14 Prozent hatten die Sonderschule besucht. Bei den jugendlichen Strafgefangenen ist der Anteil der Sonderschüler mit rund 30 Prozent noch höher, in der Gesamtbevölkerung liegt er unter sechs Prozent, Diese Zahlen erlauben freilich nicht den Schluß, daß der fehlende Schulabschluß die alleinige Ursache des späteren Fehlverhaltens war.

Das Versagen in der Schule ist vielfach schon selbst die Folge einer Fehlentwicklung, so wie das spätere kriminelle Fehlverhalten auch. Die Ursache liegt meist früher und geht tiefer: frühkindliche Schäden, schwere Erziehungsfehler, mangelnde Zuwendung, gestörte Familienbeziehungen – dem Kind, das aus solchen Verhältnissen kommt, fehlt häufig die für die Schule wichtige Lern- und Leistungsmotivation. Die familiäre Sozialisation entspricht nicht der auf Leistung ausgerichteten Sozialisationsstruktur der Schule. Die Folge ist dann nicht nur ein Zurückbleiben hinter den Lernanforderungen, sondern auch der Beginn eines sozialen Rollenprozesses: ein Schüler, der nicht den Leistungsanforderungen genügt, wird, da die Leistung für die Schule im Vordergrund steht, als Versager, sein Verhalten wird als abweichendes Verhalten angesehen und bewertet. Der Schüler übernimmt die ihm zugeschriebene Rolle des Versagers und Abweichlers – er verhält sich auch tatsächlich entsprechend.