Von Jürgen Kramer

Washington, im November

Expletive deleted – Zwischenstück ausgelassen. So steht es lakonisch hundertfach in den inzwischen schon legendären Tonbandprotokollen, die der ehemalige amerikanische Präsident Nixon am 30. April dieses Jahres dem Justizausschuß des Repräsentantenhauses präsentierte. Was die Zensoren des Weißen Hauses ausgelassen hatten, war schon damals klar: nicht nur die schlimmsten Varianten von Nixons Fäkalsprache, sondern vor allem jene allzu soliden Glieder der Beweiskette, die ihn als Hauptbeteiligten in der Watergate-Affäre entlarvten.

Daß die Wahrheit methodisch vertuscht wurde, und zwar bis in die letzten Amtstage Nixons, ist dem Prozeß gegen fünf seiner engsten Vertrauten vorbehalten geblieben, dessen erste Phase jetzt in Washington abgeschlossen wurde. Zwar saß Nixon physisch nicht auf der Anklagebank. Doch noch ehe die Plädoyers gesprochen sind, ist das Urteil über den unsichtbaren Hauptangeklagten in Abwesenheit bereits gefällt worden. Zwei Dutzend Originaltonbänder haben Richard Nixon vollends des Feigenblattes beraubt, daß ihn – so hoffte er bei seinem Rücktritt –, vor der völligen Bloßstellung im Urteil der Geschichte bewahren sollte.

Der Prozeß gegen das Mitverschwörerquintett, die beiden engsten Nixon-Berater Ehrlichman und Haldeman, Exjustizminister Mitchell, die Angestellten des Weißen Hauses Mardian und Parkinson, hat jene Lücken aufgefüllt, die durch den Verzicht des Kongresses, Anklage gegen Nixon zu erheben sowie infolge seiner späteren Begnadigung durch Gerald Ford entstanden sind. Allerdings: Da Nixon nicht selber auf der Anklagebank sitzt und womöglich nicht einmal als Zeuge erscheint, kann der Stellvertreterprozeß seine Ersatzfunktion nur bedingt erfüllen. Ein Impeachment-Verfahren oder ein Strafprozeß gegen den ehemaligen Präsidenten hätten seine Schuld besser feststellen können. Doch der indirekte Weg, den die Watergate-Ankläger jetzt beschritten, hat dank der Unbestechlichkeit der Tonbandoriginale fast den gleichen Effekt. Die vollständige Aufklärung der Watergate-Affäre, die zunächst nach dem Rücktritt Nixons und erst recht nach seiner Begnadigung unmöglich erschien, ist nun doch noch weitgehend ermöglicht worden.

Die 28 Tonbänder, die als Lügendetektor dienten, lassen kein gutes Haar an dem 37. Präsidenten der USA. Ohne expletives deleted steht Richard Nixon als nackter Verschwörer da; ein Mann, der nicht einmal davor zurückschreckte, seine eigenen Vertrauten "zu den Wölfen zu werfen", wie er es selber formulierte, und sie gegeneinander auszuspielen. John Mitchell, einer der fünf Angeklagten, erfuhr, wie sich Nixon, Haldeman und Ehrlichman ausdachten, ihn als Sündenbock zu opfern. Ehrlichman wiederum erfuhr, wie Nixon und Haldeman ihn, der nicht wußte, daß ständig ein Tonband im Büro des Präsidenten mitlief, gegen Mitchell auszuspielen versuchten. Und Haldeman und Ehrlichman wiederum vermittelten die unzensierten Tonbänder die bittere Erkenntnis, daß Nixon sie bisweilen absichtlich täuschte, so beispielsweise, als er sie im April 1973 glauben machte, Mitchell habe die Zahlung von Schweigegeldern an den inzwischen verurteilten Howard Hunt vorgeschlagen. In Wirklichkeit hatte Nixon das selber getan, und zwar bereits im Januar 1973.

Diese Vertuschungskabalen mußten notgedrungen zu gegenseitigem Mißtrauen der Verschwörer führen. Ja der "große Bruder" Nixon befürchtete, dieser "gottverdammte Dean" (eben jener ehemalige Rechtsberater des Präsidenten, der später auf die Existenz der Tonbänder hinweisen sollte), habe seinerseits mit einem in der Tasche versteckten Tonbandgerät ein Gespräch am 21. März mitgeschnitten, dessen Inhalt Nixon entlarvt. Nixons Anweisung an Haldeman: "Sie, Ehrlichman und ich müssen in bezug auf dieses Gespräch eine Wagenburg um den Präsidenten herum aufziehen."