In jüngster Zeit wird immer häufiger gefragt: Was ist eigentlich die Rolle der Gewerkschaften in der heutigen industriellen Gesellschaft? Wie ist ihr Verhältnis zum Staat und zur Wirtschaft? Wo führt es hin, wenn die Gewerkschaften zunehmend an Macht gewinnen? Befinden wir uns gar schon auf dem Marsch in den Gewerkschaftsstaat? Ist die Macht der Gewerkschaften überhaupt noch kontrollierbar?

Auf Einladung der ZEIT haben namhafte Experten in Hamburg über diese Fragen diskutiert. Teilnehmer der Diskussion waren Ralf Dahrendorf, Direktor der London School of Economics; Lord Kaldor, Wirtschaftsberater der vorigen Wilson Regierung; Aldo Bonaccini, Vorstandsmitglied des stärksten italienischen Gewerksehaftsbundes CGL; Karl Hauenschild, Vorsitzender der IG Chemie, und Georg Benz, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall. Wir beginnen diese Woche auf den Seiten 9—14 mit dem Abdruck der Diskussion. Der Schluß der Serie erscheint in der nächsten Ausgabe.

ster Zeit immer häufiger die Frage gestellt wird: Was ist eigentlich die Rolle der Gewerkschaften in der heutigen industriellen Gesellschaft, wie ist ihr Verhältnis zum Staat und zur Wirtschaft? Noch im Frühjahr 1973 waren bei einer Umfrage nur 26 Prozent der Befragten der Meinung, daß die Gewerkschaften zuviel Einfluß auf die Politik hätten; im September dieses Jahres waren es dagegen 44 Prozent. Eine Allensbach Umfrage im Auftrage der ZEIT (Nr. 47) ergab, daß von den Angestellten und Beamten im öffentlichen Dienst 39 beziehungsweise 37 Prozent den Einfluß der Gewerkschaften für zu hoch haken. Nur zwölf Prozent hielten ihn für zu niedrig. Dabei ist interessanterweise die kritische Einstellung bei Gewerkschaftsmitgliedern ausgeprägter als bei den Nichtorganisierten (Tabelle Seite 14). Ein Symptom könnte auch darin gesehen werden, daß bei den Sozialwahlen in diesem Sommer, bei denen bisher die Angestelltengewerkschaft und der Deutsche Gewerkschaftsbund ganz unbestritten die Majorität erhielten, beide diesmal eine schwere Niederlage erlitten.

"Vielleicht wird die wachsende Skepsis gegenüber der Gewerkschaftsmacht sogar weniger von der Entwicklung in unserem eigenen Lande bestimmt, als vielmehr vom Blick über die Grenzen. Frankreich wird seit Wochen durch Streiks gelähmt. In England haben die Gewerkschaften zwei Regierungen gestürzt. In Ihrem Lande, Herr Bonaccini, kann eine Regierung nur solange im Amt bleiben, wie es die Gewerkschaften zulassen. In Italien wird der Staat immer ohnmächtiger und ist auf Arrangements mit den Gewerkschaften angewiesen.

Da erhebt sich die Frage, ob eigentlich die Selbsthilfe Organisation, die ursprünglich angetreten war, den wirtschaftlich Schwächen einen Schutz zu bieten, sich nicht inzwischen zu Herrschafts Organisation entwickelt hat und ob nicht die Vertretung der Unterprivilegierten inzwischen zu einer Organisation der Überprivilegierten geworden ist. Dabei müssen wir dies alles auch vor dem veränderten wirtschaftlichen Hintergrund und der krisenhaften . Entwicklung in vielen Ländern sehen.

daß wir in den entwickelten Ländern insgesamt sozialökonomisch an einer Wegscheide stehen, und daß das nächste Jahrzehnt — auch wenn es gelingt, die unmittelbaren Probleme zu lösen — anders aussehen wird als das zurückliegende öder gar das Jahrzehnt davor. Ein Grundzug wird sein, daß ein hohes wirtschaftliches Wachstum jedenfalls nicht durchgehend kennzeichnend sein wird für die heute entwickelten Länder der Welt. Es wird daneben außerordentliche strukturelle, regionale und nationale Unterschiede in den Entwicklungen geben. Ich glaube, daß durchgängige Tendenzen, wie sie manche Zeiten nach dem Krieg gekennzeichnet haben, zurücktreten werden gegenüber ganz ungleichartigen Entwicklungen. Deshalb werden Durchschnittsangaben über wirtschaftliche Entwicklungsprozesse in abnehmendem Maße sinnvoll. Man wird immer häufiger beobachten, daß es ganz unterschiedliche Entwicklungen in den verschiedenen Industriebereichen geben wird, auch unterschiedliche Entwicklungen einzelner Länder. Schon heute beobachten wir, wie unterschiedlich die Zahlungsbilanzsituationen der verschiedenen Länder sind — und auch ihre Erwartungen für die nächsten Jahre. Das muß zu einer Änderung des Verhältnisses zwischen Gewerkschaften, Wirtschaft und Staat führen. In einer Zeit relativ hohen wirtschaftlichen Wachstums und niedriger Preissteigerungsraten, wie sie insbesondere die Bundesrepublik und Japan über längere Zeiträume hinweg nach dem Krieg gekannt haben, finden sich die Gewerkschaften in ihrer Funktion als Vertreter der Interessen der Lohnabhängigen in einer kuriosen Position: Die Entwicklung der Einkommen der Arbeitenden schreitet fast schneller voran, als die Gewerkschaften ihre Forderungen formulieren können. Es geschieht, daß gleichzeitig eine erhebliche Einkommenssteigerung und eine Steigerung der Gewinne und der möglichen Investitionen stattfindet, fast ohne sichtbare Auseinandersetzungen zwischen den Tarif partnern.

Das ist eine Periode, die wir mit Sicherheit hinter uns haben, über die nachzudenken sich aber dennoch lohnt. Sie hat nach meiner Meinung etwas zu tun mit der spezifischen Rolle, die die deutschen Gewerkschaften gespielt haben im Unterschied zu den Gewerkschaften in Ländern, die nicht in demselben Maße über einen längeren Zeitraum hinweg ein kontinuierlich hohes Wachstum bei kontinuierlich niedrigen Preissteigerungsraten gehabt haben.