Zwei Entertainer sind unterwegs in der Bundesrepublik: Der Österreicher AndréHeller und der Niederländer Herman van Veen (über den Manfred Sack auf der nächsten Seite berichtet)

Für ihn, sagt André Heller, für ihn sei das "ein Riesenkrampf, wenn ich über Biafra oder Vietnam schreibe, und ich habe meinen eigenen Notstand noch nicht bewältigt". Der Wiener Liedermacher möchte erst einmal "den Mist vor der eigenen Tür" fortkehren, er möchte zu sich selber finden, denn: "Ich habe mich nicht bewältigt, ich muß an mir arbeiten."

Skrupulös und nachdenklich gibt sich André Heller unter vier Augen. Wer weiß, vielleicht ist er’s wirklich.

Den "seelischen Analphabetismus der Linken" findet er zum Kotzen; ihn überwunden zu haben, hält er für seine avantgardistische Leistung. "Damals, als die bewußtseinserweiternden Texte kamen, war eins völlig weg vom Fenster, nämlich die unmittelbare zwischenmenschliche Beziehung. Es wurde nur noch auf die äußeren Straßen gerufen. Ich habe 19 68 als erster wieder auf die inneren Straßen gerufen." Aber erging solcher Ruf nicht auch in den Liedern von Heintje, Peter Alexander und Roy Black? Ja schon, meint er, aber diese Lieder seien doch "total verlogen". "Ich mache, was meiner Euphorie, meiner Jämmerlichkeit, meinem Unmut entspringt. Ich will mich zugeben, das unterscheidet mich grundsätzlich von Roy Black, der gibt sich nie zu."

Zu sich selbst finden, sich zugeben: André Heller ist voll von derlei pietistisch-bildungsbürgerlichen Evergreens. "Ich versuche Möglichkeiten, die im Menschen drinnen sind, aufzuzeigen", umschreibt er seine poetischen Bemühungen – ein Anliegen, das ihn, der als "Poet in dieser Stadt" auf Tournee geht, nicht nur von Roy Black, sondern auch von Schriftstellern unterscheidet. Denn Schriftsteller, so differenziert Heller, "sind diejenigen, die sich mehr der Tagesaktualität verschreiben. Poeten aber schlagen größere Bögen". So gesteht er auch nicht ohne Stolz, sich "für Aktuelles überhaupt nicht zu interessieren".

André Heller ist achtundzwanzig Jahre alt. Aber seine Sätze kommen aus jenem vergangenen Jahrhundert, dessen Weisheiten man heute sonst nur noch auf Wandtellern oder in den Poesiealben junger Mädchen wiederfindet.

Der Mangel an politischem Bewußtsein bei einem "Poeten", der sich immerhin "mit dem Biermann verwandt" fühlt, ist erschreckend, und der Eifer, mit dem der auf die größeren Bögen abonnierte Poet sich im Gespräch nicht anders als in manchen Liedern als Protestsänger zu profilieren sucht, ist nicht frei von Komik. Die Sensibilität will André Heller resozialisieren, den Alltag revolutionieren wie weiland Fritz Teufels Kommune I. Was in so allgemeiner Formulierung, seiner bevorzugten Ausdrucksform, noch hingeht, wird freilich bei näherer Beschreibung gleich kindisch. "Wenn sich ein Fließbandarbeiter bei VW einfach mal einen roten Hut aufsetzte, da wäre der doch schon reif fürs Irrenhaus. Die Leute müssen einmal so und nicht so machen, dann merken sie, was das für ein Willensakt ist, nicht so zu machen."