Konservative Christen klagen: Der Sozialismus wird gepredigt

Von Joachim Nawrocki

Die Verhaftung der Sozialhelferin Undine Zühlke und des Vikars Cornelius Burghardt scheint die Polizei bei der Aufklärung des Mordes an Kammergerichtspräsident von Drenkmann auch nicht viel weiter zu bringen. Die Polizei glaubt, Undine Zühlke habe eine Nachricht über den Vikar an die Drenkmann-Attentäter weitergeleitet. Diese Nachricht, die Ulrike Meinhof auf einen Zettel aus Frau Zühlkes Notizblock schrieb, enthielt die Worte "keinen kirchlichen nehmen" und weitere Anweisungen. Die Beschuldigten aber bestreiten die Weitergabe.

Frau Zühlke habe den Zettel in ihrer Wohnung durch die Toilette gespült. Sie wollte, so sagte Bischof Scharf, für Ulrike Meinhof "nicht Botin sein". Auch Cornelius Burghardt will nach einem Gespräch mit Frau Zühlke keine Nachricht weitergeleitet haben. Er habe lediglich den Bischof unterrichtet, mit einer Störung der damals, Anfang November, in Berlin tagenden Synode der evangelischen Kirche in Deutschland sei nicht mehr zu rechnen.

Auf falscher Spur?

Bischof Scharf mag auch heute noch nicht an die Verstrickung der beiden in den Mordfall Drenkmann glauben. Beide, sagt er, seien in der Haft guten Mutes und rechnen mit schneller Entlassung. Zweifel kommen in der Tat: Der Kassiber wurde am 5. November geschrieben. Holger Meins aber starb erst am 9. November, und der Mord an dem Kammergerichts-Präsidenten galt als unmittelbare Reaktion auf diesen Tod. Und würde Ulrike Meinhof, die doch täglich Besuch von Vertrauten in ihrer Zelle bekommt, eine Aufforderung zur Entführung ausgerechnet durch eine Sozialhelferin übermitteln lassen, die sie doch abfällig als "bürgerliche Tante" bezeichnete? Andererseits: Warum hat Undine Zühlke den Kassiber überhaupt entgegengenommen oder nicht wenigstens der Gefängnisleitung übergeben?

Denkbar ist jedenfalls, daß die Polizei mit ihrer Suche nach Kontaktleuten von Frau Zühlke und Vikar Burghardt auf einer völlig falschen Spur ist. Möglich ist, daß die ganze Aufregung und die Emotionen – die nicht zuletzt durch Versäumnisse von Geistlichen und das tagelange Schweigen von Bischof Scharf ins Kraut schießen konnten – sich an einem Vorgang entzündeten, der sich am Ende vielleicht als bedeutungslos erweist. Aber das heißt nicht, daß eine Entlastung der beiden festgenommenen Kirchendiener das Zerwürfnis in der evangelischen Landeskirche West-Berlins beenden würde. Der Fall Zühlke/Burghardt hat nur einen Konflikt wieder aufgewühlt, der seit Jahren besteht.