Monumente und Baracken

Von Manfred Sack

Knalliger können die Unterschiede gar nicht sein unter Leuten, die alle denselben Beruf haben: Architekten. Man findet da den Baukünstler, der sich in der Attitüde des weisen Mystikers gefällt, den opportunistischen Ästheten und den Maßstab referierenden, jedoch maßstablos bauenden Methodiker, sodann den Architektur-Konstrukteur und den sentimentalen, naiven, touristenfreundlichen Architekturkulissenschieber; man begegnet dem Entwerfer, der in monumentalen "brutalistischen" Bauwerken schwelgt, und den Praktiker, der darauf versessen, ist, auch für das Existenzminimum noch Architektur zu machen, und schließlich das Ehepaar, das die dekorativen Symbole der Architektur wiederentdeckt hat und statt der heroischen die einfache, die gewöhnliche, besser: "die angemessene Lösung" sucht. Und über allen neunen schwebt, von niemandem unerwähnt, Ludwig Mies van der Rohe wie ein von ihnen wütend zerknitterter Rauschgoldengel.

Es ist eine banale, aber wunderbare Gewißheit, daß keiner von ihnen allen Amerika allein bebauen durfte und je bebauen wird, sondern daß sie alle – nach der Formulierung eines von ihnen – nur "relativ unbedeutende Pickel auf der Oberfläche des Landes" erzeugen werden, manche darunter, die Entsetzen verursachen, manche indessen, die Entzücken, Staunen, wenigstens Achtung hervorrufen. So gesehen, stimmt auch der langweilige Titel dieses interessanten Buches, in dem sie Rede und Antwort stehen –

Heinrich Klotz und John W. Cook: "Architektur im Widerspruch – Bauen in den USA von Mies van der Rohe bis Andy Warhol", aus dem Amerikanischen von Brigitta Kuhn; Verlag für Architektur Artemis, Zürich, 1974; 328 S., 197 Abb., 28,50 DM.

Nach einem modischen Begriff findet in diesem Buch eine Art von Talk-Show statt, veranstaltet von dem schreib- und denkgewandten Marburger Architekturhistoriker Heinrich Klotz und seinem Kollegen Cook aus Yale. Die "Show" vollzieht sich dabei ganz von selber in der Art, wie die Gefragten ihre Antworten kleiden oder kostümieren, so daß man auch zögert, von Interviews zu sprechen: Es sind viel eher Unterhaltungen, die durch die schillernden Persönlichkeiten der Partner Farbe erhalten und die lehrreiche Lektüre kurzweilig, ja auch amüsant machen. Zwar erlahmen die Frager mitunter, erliegen dem Charme ihrer Partner besonders, wenn Sympathie sie miteinander vereint, vergessen vor Neugier ihre Zweifel und unterlassen es, hartnäckig zu insistieren. Doch ihre Gespräche sind sorgfältig redigiert und dramaturgisch geschickt gegliedert. Man hat am Ende, ohne es recht gemerkt zu haben, eine Menge erfahren, auch manchen Klatsch über:

Louis Kahn, Urheber von dramatischen, "brutalistischen", burgenhaft verschlossenen Bauten von trotziger Schönheit. Aufgabe des Architekten ist es nach seiner Meinung, "die Räume zu ahnen, die die Wunschvorstellungen des Menschen verkörpern". Er liebte die mystische Verbrämung nüchterner Sachverhalte und empfand folgerichtig Abneigung gegen die Soziologie. Auf die Frage, ob man eine Stadt soziologisch planen könne, sagt er: "Nur ein Faschist kann so etwas tun." Skepsis gegenüber dem soziologischen Material ist allgemein im Fach verbreitet.

Philip Johnson, seit Kahns Tod so etwas wie der Doyen der amerikanischen Architekten, ist ein selbstbewußter, moralisch radikaler Ästhet, folgerichtig ein politisch unmoralischer Opportunist. Er nennt sich käuflich und "eine Hure" und bedauert an Hitler nur: "Wäre er bloß ein guter Architekt gewesen!" Für ihn ist klar: Architektur ist eine Kunst." Auf die Frage, ob Monumentalität zeitgemäß sei, bekennt er: "Ich würde lieber in einer Kathedrale wohnen und im Freien auf die Toilette gehen, als in einem dieser bequemen amerikanischen Vorstadthäuschen leben."

Monumente und Baracken

Kevin Roche, Entwerfer von zum Teil monströsen Hochhausarchitekturen, ist ein nüchtern denkender Pragmatiker. Gefragt, wo in seinen Bauten die Ästhetik anfange, antwortet er: "Ich weiß es nicht, denn ich denke gar nicht in solchen Kategorien. Ich trenne diese Dinge nicht." Notwendiger als der Künstler sei der Reformer: Der Architekt "muß auch in die Stadtplanungskommission und in den Budgetausschuß gehen und in die Politik und so weiter." Die Kritik an der Legalität kapitalistischen Bauspekulantentums ist erfrischend deutlich.

Paul Rudolphs Bauten gehören meist in die Stilrichtung des Brutalismus, der erster Reflex auf die glatte Kiste Mies van der Rohes war. Er hat einen Hang zur Monumentalität und antwortet auf die Frage, ob der Architekt Künstler sein müsse: "Wenn der Architekt kein Künstler ist, sollte man ihn nicht Architekt nennen." Für ihn ist klar, daß niemand als der Architekt entscheiden muß, wie das Ganze nun aussehen muß", weshalb er beklagt, daß sie einen Teil ihres Erbes "willig an die Planer abgegeben hätten.

Bertrand Goldberg ist berühmt geworden durch seine zwei runden Hochhaustürme in Chicago, "zwei Maiskolben inmitten von Zigarrenkisten". Das war eine formale Novität; die konstruktive erprobte er für Familien- und Altenwohnungen, die er nicht mehr um einen tragenden Kern baut, sondern in eine tragende Hülle, eine muschelförmig gewölbte Stahlbetonschale, die durch ihre Verformung stabil wird. Sarkastisch berichtet er von seinen Bemühungen, die Behörden von der puritanistischen Boshaftigkeit abzubringen, arme Leute dafür zu bestrafen, "daß sie keinen wirtschaftlichen Erfolg hatten".

Morris Lapidus: Er ist eine Art von Schlager-Architekt, der einen Mordserfolg mit atemberaubend kitschigen Hotelbauten in Miami und anderswo hat. Er gibt zu, daß er Kitsch macht, jedoch: "Ich habe mich sehr früh in meiner Karriere entschlossen, da ich ja aller Wahrscheinlichkeit nach keine großen Spuren hinterlassen würde, daß ich dann wenigstens Freude haben sollte an dem, was ich tue, und auch den Leuten, die meine Architektur benutzen, Freude bereiten will."

Charles Moore ist "dem Volk" vermutlich viel näher, wenn er seinen Geschmack auch noch "an der untersten Grenze des ökonomisch Zumutbaren" im sozialen Wohnungsbau behauptet. Seine Wirklichkeit ist, wie Heinrich Klotz findet, "nicht auf das schmale Entweder-Oder von Zweck einerseits und Einschüchterung andererseits beschränkt, sondern bezieht Ausdrucksweisen des menschlichen Gemüts mit ein, die abseits, von hoher Kunst und rechnender Technik nicht zugelassen, als Kitsch und Schnörkel ein Halbleben führen". Ihn verbindet viel mit dem Ehepaar Robert Venturi und Denise Scott Brown, ganz außerordentlichen Architekten, die mit ihren Beobachtungen und Theorien einige Verwirrung gestiftet haben. Sie wollen einfach bauen, sich dem Kontext der Umgebung unterwerfen bis zum Zitat eines neugotischen Portals vom Haus nebenan, aber aus Beton. Sie betonen den Wert soziologischer Hilfestellung, und sie wissen, das "in einer Zeit, die alles in Frage stellt, ... die Architektur nicht monumental sein, aber auch nicht aus Baracken bestehen darf.

Interessant wird es in diesen acht Unterhaltungen vor allem dann, wenn die Architekten Entstehungsprozesse schildern. Durchweg wird man hervorragend informiert, nicht zuletzt durch ausgezeichnete (kaum fehlerhafte) Register und ungewöhnlich treffsichere Illustrierung.