Von Evi Melas

Athen, im November

Nur eine einzige Veränderung hatte Athens Militärdiktatur im Parlamentssaal vorgenommen: Die Obristen ließen schalldämpfende Teppiche spannen; sie entsprachen der Friedhofstille, die hier sieben Jahre lang herrschte. Jetzt wird der Saal frisch gelüftet. Am 9. Dezember werden die 300 neugewählten Abgeordneten zur feierlichen Eröffnung zusammentreten. Neben vielen anderen schwierigen Aufgaben müssen sie innerhalb von drei Monaten die alte Verfassung von 1952 revidieren.

Vor demselben Parlamentsgebäude, dem "Alten Schloß", hatten die Hellenen vor 130 Jahren dem Bayernprinzen Otto die erste Verfassung des neugriechischen Staates abgerungen. Damals wurde die absolute Monarchie abgeschafft. Heute, nach sieben Jahren der Zwangsherrschaft und nach den ersten freien Wahlen seit 1963, verheißt Ministerpräsident Konstantin Karamanlis eine "parlamentarische Demokratie mit verstärkter Exekutive". Was er im einzelnen damit meint, behält er vorläufig für sich.

Dem 67jährigen Athener Regierungschef gelang der größte Wahlsieg in der neugriechischen Geschichte: Er vereinigte über 54 Prozent aller Stimmen auf sich. Eindeutig galt das Vertrauensvotum seiner Person, nicht einer Partei oder einer bestimmten Politik. Karamanlis verkörperte für die Griechen in diesem Augenblick Sicherheit, Stabilität und die Hoffnung, mit den außenpolitischen Problemen fertig zu werden.

Der nächste Schritt beim Wiederaufbau der Demokratie ist am Sonntag das Plebiszit über die Staatsform. Die Griechen müssen sich zwischen Republik und Monarchie, zwischen ungekrönter und gekrönter Demokratie entscheiden. Während sich alle großen Parteien im Wahlkampf für die Republik aussprachen, hatte sich Karamanlis auf die Erklärung, das Volk solle frei über diese Frage entscheiden, beschränkt. Damit ließ er freilich erkennen, daß er kaum Interesse an einer Rückkehr des Königs hat.

Fanatische Gegner der Monarchie finden sich im konservativen ebenso wie im kommunistischen Lager, bei der Jugend wie bei den Intellektuellen, vor allem in den Städten. Zu den eingefleischten Monarchisten gehören einige Minister der Karamanlis-Regierung sowie die Zeitungsherausgeberin Helen! Vlachou. Damen der Haute Bourgeoisie, abgetakelte Admiräle, Bauern auf dem Peleponnes und im Epiros, Scharen von Kleinbürgern sehen im König einen Repräsentanten des Landes, der unabhängig vom Wechsel der jeweiligen Regierung für Stabilität garantiert. Die Königsfrage ist in den letzten Tagen mit wachsender Leidenschaft diskutiert worden. Dem in London wartenden Konstantin II. wurden neuerdings doch wieder einige Chancen gegeben. Dennoch erschien eine Rückkehr zur "gekrönten Demokratie" äußerst unwahrscheinlich.