Von Horst Vetten

Heute, nicht einmal ein halbes Jahr nach dem Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1974, fragt man sich, wie es denn zu erklären ist, daß ein so kleiner Rausch eine so große Ernüchterung nach sich ziehen kann. Darüber hat unlängst auch laut und öffentlich der Organisationschef Hermann Neuberger nachgedacht. Er wußte auch gleich die Antwort: "Schuld sind die Profis und die Presse."

Wer gewöhnt ist, dem Fußballvolk aufs Maul zu schauen, wird in der Tat schon am Tag des deutschen Sieges im Endspiel von München gemerkt haben, daß auch das Weltmeisterwerden nicht mehr das ist, was es einmal war.

Hatte der Augenblick des Triumphes die Nation vielleicht noch einigermaßen bewegt: der Alltag folgte schneller, als man das glauben mochte. Vor zwanzig Jahren, scheint es, da verstanden die Deutschen noch zu feiern. Das ging wochenlang, der Triumphzug der Helden von Bern gestaltete sich individuell: Rahn in Essen, die Gebrüder Walter im Pfälzischen, Posipal im Norden, Schäfer im Rheinischen, Morlock im Fränkischen: da zogen Helden, Götter, Übermenschen durch die Lande, denen das Volk die Rocksäume küßte.

Heute aber: die Helden resignieren oder eremitieren. Netzer und Breitner stehen fern der Heimat im spanischen Fußballsolde; Männer im besten Saft, wie Grabowski oder Müller, haben sich von ihren Pflichten für das Nationale entbinden lassen. Die Münchner Götterlieblinge, Rumpf und Korsett der Weltmeisterschaft, rumpelten gleich zu Beginn der neuen Serie gerupft und gedemütigt sozusagen aus der Polsterklasse ins Holzabteil der Bundesliga. Als der Präsident unserer Republik der Helden von München bei Hummermayonnaise und Gänseleber zu Ehren gedachte, blieben etliche der Eingeladenen lieber an den heimischen Kochtöpfen. Ein Symptom?

Ein Symptom, ohne Zweifel. Es ist etwas anderes gewesen, 1954 Weltmeister zu werden, als zwanzig Jahre später. Um den Beweis hierfür auf eine Summe zu reduzieren: Es ist der Unterschied, den 80 000 Mark ausmachen.

Die Spieler, die 1954 in der Schweiz Fußballweltmeister wurden, waren auf ideelle Momente eingeschworen; niemals hätten sie nach Geld zu fragen gewagt, obwohl auch sie neben ihren unbestreitbaren Fußballfertigkeiten beträchtliche Fähigkeiten im Handaufhalten entwickeln konnten. Aber mehr als fünfhundert Mark verdiente keiner von ihnen durch Fußballspielen, und als sie Weltmeister waren, da griff der Deutsche Fußballbund, ein Herrenklub von besonderer Art, ganz tief in die Kasse und löhnte in vorher nie gekannter Großzügigkeit: Jeder Spieler erhielt 1500 Mark!