Die Gründung der exilrussischen Zeitschrift "Kontinent" ist in sowjetischen Schriftstellerkreisen mit Interesse vermerkt worden, Sie wird auch unter den Funktionären des Schriftstellerverbandes mit Bedacht diskutiert: einmal abwehrend und negativ kritisch, zum anderen aber auch unter dem Gesichtspunkt, ob damit nicht ein Anlaß gegeben sei, eigenen sowjetischen Literaturzeitschriften ein höheres Niveau zu geben, sie auch für ausländische Literaten attraktiver und "fündiger" zu machen. Daß sich gegen solche Überlegungen der "Liberalen" auch Widerspruch meldet, versteht sich.

Ins Gespräch gekommen ist in diesem Zusammenhang wieder einmal die Monatszeitschrift "Nowyj Mir"; es werden, dabei Erinnerungen an ihren einstigen Chefredakteur Alexander Twardowskij wach. Zunächst hatte es den Anschein, als sollten für diese Zeitschrift strengere, parteikonforme Richtlinien ausgegeben werden, als unlängst der Nachfolger auf dem Chefredakteursstuhl Twardowskijs, W. A. Kossolapow, abgesetzt und zum Mitglied des Redaktionsstabes heruntergestuft wurde. Aber der neue Mann, Sergej Narowtschatow, ein Lyriker von hoher Bildung, hat bei den "Progressiven" gewisse Hoffnungen erweckt, obwohl er in den letzten Jahren als ein Sekretär des Schriftstellerverbandes weitgehend Funktionär war.

Erwartet wird, daß Narowtschatow mit der Zeit neue Leute in die Redaktion von "Nowyj Mir" holt; zumindest zeigt die alte Mannschaft Anzeichen der Lähmung, weil sie mit redaktionellen Veränderungen rechnet.

Hinzu kommt, daß noch unter der Leitung von Kossolapow für das Jahr 1975 die Mitarbeit von Autoren angekündigt wurde, die in der Mehrheit "Nowyi Mir" auch zu Twardowskijs Zeiten ihren Stempel aufgedrückt hatten; so der Kirgise Aitmatow, der Weißrusse Bykow, dessen Geschichte eines unheldenhaften Lehrers im Kriege unter dem Titel "Obelisk" noch 1972 in "Nowyj Mir" abgedruckt wurde, worauf er sich bei einigen Verbandsgewaltigen den Vorwurf einholte, "keine aufsteigende Linie zu verfolgen und einen Zu engen Horizont zu haben". Gleichwohl war "Obelisk" ein Bestseller.

Der Daghestaner Rassul Gamsatow, linientreu aber wortgewaltig, wird mit seinem dritten Buch "Mein Daghestan" vertreten sein, mit einem neuen Roman auch Boris Moshajew; ihn hatte "Nowyj Mir" 1966 mit einer Art russischem Schweijk oder Eulenspiegel bekannt gemacht, dann schrieb er Skizzen über das Dorfleben, arbeitete auch für die Schublade. Der Moskauer Romancier Jurij Trifonow wird neue Erzählungen beisteuern. Von westlichen Autoren werden Kafkas "Schloß" und Erzählungen von Faulkner veröffentlicht werden. Genannt werden ferner bekannte gute Autoren wie Iskander, der nicht unumstrittene Ukrainer Olesj Hontschar und natürlich viele sich höchsten offiziellen Wohlwollens erfreuende prominente Autoren. Unter den Lyrikern befinden sich auch Wossnessenskij, Abaschidse und Jewtuschenko.

Von dem auf allen Hochzeiten tanzenden Jewtuschenko ist überdies zu hören, daß er sich Hoffnung macht, im kommenden Jahr mit einer eigenen Zeitschrift unter dem Titel "Die Werkstatt" herauskommen zu können. Er hatte diesen Plan schon vor einem Jahr; nun meint er, der Verwirklichung dieses Projekts näher zu sein, Jedenfalls reichert er damit die Spekulationen unter manchen Schriftstellern an, die zugleich in die Diskussion über eine Antwort an "Kontinent" münden.

Gegen einen liberalen Kurs von "Nowyj Mir" sprechen allerdings auf den ersten Blick die Umstände, die zur Absetzung des vorsichtig konservativen Chefredakteurs Kossolapow führten. Sie werfen zugleich ein Licht auf die Behandlung der Nationalitätenpolitik – ein diffiziles Thema für die Sowjetunion. Kossolapow hatte den Abdruck eines Romans von Ilja Wergassow vorgesehen, eines im Ausland unbekannten Erzählers. Der erste Teil war schon im Druck und geheftet, da mußte er auf Einspruch von oben wieder herausgelöst werden.