Von Wolfram Siebeck

Nichts sei für den geistig schaffenden Menschen gefährlicher als Resignation, sagte der Bundespräsident in Frankfurt. Er sagte es vor einer Versammlung geistig schaffender Menschen, die von weither kamen. Sie waren viele hundert Kilometer über Autobahnen gefahren, bei dichtem Berufsverkehr, Nebel und Gefahr von Reifglätte. Manche von denen, die da saßen und den Worten des Bundespräsidenten lauschten, kamen aus dem Raum Stuttgart und hatten vielleicht erst wenige Stunden vorher Kartoffelsalat einer bestimmten Marke gegessen.

Es hörten aber auch geistig schaffende Menschen zu, die hatten über Firmen von der Größenordnung, die man Konzerne nennt, Dinge geschrieben, die zwar wahr, aber den Firmen von der Größenordnung von Konzernen sehr unangenehm waren. Diese geistig Schaffenden sind durch Rechtsanwaltbüros von der Größenordnung, die man Kanzleien nennt, in Schadenersatz-Prozesse verwickelt, bei denen es um Summen von einer Größenordnung geht, die man Lottogewinne nennt.

Es hörten die Präsidentenworte von der Gefährlichkeit der Resignation auch geistig Schaffende, denen war es gelungen, unbemerkt von gerade anderweitig beschäftigten Verlegern in ihrer Lokalzeitung einen Kommentar zu den fachlichen und moralischen Qualifikationen einiger Lokalpolitiker zu veröffentlichen. Nun wissen sie nicht, wo sie künftig ihre Artikel über unfähige Bürgermeister, korrupte Landräte und reaktionäre Landesminister veröffentlichen können – und ob sie in ihrer Lokalzeitung überhaupt noch etwas veröffentlichen können.

Es hörten dem Bundespräsidenten geistig Schaffende zu, die sich in der Öffentlichkeit für menschenwürdige und unterschiedslose Behandlung aller Gefangenen eingesetzt hatten, auch für politische Untersuchungsgefangene, und dafür öffentlich mit Vergasung bedroht wurden von Lesern der Massenpresse.

Schließlich saßen in Frankfurt unter den Zuhörern des Bundespräsidenten geistig Schaffende, die Frau und Kinder mit ihrer geistigen Arbeit zu ernähren hatten. Es waren Leute, die zwei, drei Jahre an einem Buch schreiben, von dem dann zweitausend Exemplare verkauft werden, was ihnen soviel einbringt, wie ein körperlich Schaffender in zwei, drei Monaten verdient. Deshalb schreiben sie auch noch Artikel in Zeitungen für schreiben die seit zwei, drei Jahren nicht erhöht worden sind, weil die Besitzer der Zeitungen mit Recht auf die kritische Situation der Presse hinweisen. Tatsächlich kann es plötzlich geschehen, daß eine Zeitung, bei der ein geistig Schaffender bisher ohne bezahlten Urlaub, ohne Altersversicherung, ohne Weihnachtsgeld und ohne Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für ein pro Jahr um rund zehn Prozent geringer werdendes Entgelt schreibt, daß eine solche Zeitung über Nacht zu existieren aufhört.

Dann allerdings besteht die Gefahr, daß der so um sein Lebenswerk gebrachte Zeitungsbesitzer auf seinem Tessirier Alterssitz von tiefer Resignation befallen wird.

Den in Frankfurt versammelten geistig schaffenden Menschen klangen die Worte des Bundespräsidenten von der Gefährlichkeit der Resignation noch lange in den Ohren.