Eilige Leser seien gewarnt vor diesem Kompendium phantastischer Kunst. Rasche Resultate sind nicht zu erwarten von einem Buch, das seinen Stoff auf 475 Text- und Bilderseiten ausbreitet, und von einem Autor, der sich der Schwierigkeiten, das Phantastische begrifflich zu klaren, bewußt ist. Das Phantastische gehöre zu den konstanten Unterströmungen der Kunst, schreibt Wieland Schmied; es rebelliere gegen die Sicherheit des allzu simplen Selbstverständnisses einer Epoche; es bringe den latenten Zustand der Krise zur Sprache. In der europäischen Kunstgeschichte der Neuzeit lassen sich Manierismus, Romantik, Symbolismus, Surrealismus als divergierende epochale Emanationen phantastischer Kunst verstehen. Schmied beginnt seine Untersuchungen nicht bei Arcimboldi und dem Manierismus, sondern erst im 18. Jahrhundert, bei Piranesi, dessen "Caceri" ein neues Kapitel der Phantastik einleiten: Phantastische Kunst im Zeitalter der Vernunft. Sie ist Protest gegen den Geist der Aufklärung. Von Piranesi bis Magritte – das ergibt: "Zweihundert Jahre phantastische Malerei" (Rembrandt Verlag, Berlin, 1973; 475 S., 219 Abb., 128,– DM). Das ist ein verhältnismäßig kurzer Zeitraum; man könnte die phantastische Kunst bis in die Felsenmalerei zurückverfolgen. Auch diese letzten zwei Jahrhunderte werden nicht als Kontinuum dargestellt, in dem sich eine stil- und kunsthistorische Entwicklung ausmachen läßt. Phantastische Kunst spielt gleichsam außerhalb der normalen Kunstgeschichte. Ob Blake, Grandville, Bresdin, Ensor: Jeder ist ein Sonderfall des Phantastischen, ohne Vorgänger und Nachfolger. Am Ende hat der Leser zwar keine exakte Begriffsbestimmung der phantastischen Kunst, aber eine lebendige Vorstellung ihrer abenteuerlichen Möglichkeiten. Gottfried Sello