Im Augenblick befand sich Wolodja in einer ungewöhnlichen Umgebung. Er saß auf einer Wiese inmitten einer Menge Ameisen – roter riesiger Ameisen, die so groß waren wie er selbst. Gut fünf Seiten später findet die rätselhaftmerkwürdige Umgebung eine Auflösung: "Komm, laß dich küssen auf den Weg!" sagte die große Ameise und berührte Wolodjas Wange mit ihren harten kantigen Kiefern... Und von diesem Kuß wachte Wolodja auf.

Traum und Realität spielen ständig ineinander in dem Kinder-, oder vielleicht sagt man doch besser: Jugendroman ""Wolodjas Brüder" (Beltz & Gelberg, Weinheim; 12,– DM), mit dem sich sein russischer Autor endgültig einen festen Platz und hinreichenden Anteil auf dem Kinderbuchmarkt der Bundesrepublik gesichert haben dürfte: Juri Korinetz.

"Wolodjas Brüder" ist Korinetz’ drittes Buch. "Dort weit hinter dem Fluß" stand 1972 auf der "Auswahlliste zum Deutschen Jugendbuchpreis", "Gruß von Werner" – oder mit seinem deutschen Titel "In der Mitte der Welt" – wurde in der Sowjetunion preisgekrönt. Rund 30 000 Exemplare konnten von "Dort hinter dem Fluß" verkauft werden – eine ungeahnte Zahl, wenn man bedenkt, wie doch so gänzlich ungewohnt Inhalt und Stil der Bücher dieses Autors sind.

Juri Korinetz wurde 1923 in Moskau geboren, sein Vater heiratete eine Deutsche, die er in der Kriegsgefangenschaft kennengelernt hatte, und kehrte wenige Jahre später als sowjetischer Botschaftsangestellter nach Berlin zurück. Der Sohn studierte zunächst Malerei, dann Literatur, hatte schon früh einen Hang zum Schreiben, begann mit Lyrik, wurde Mitarbeiter der Jugendzeitschrift "Pionier", ließ sich von seinem Chefredakteur belehren, daß zum "großen" Schriftsteller – Beispiel: Gorkij – ein "schweres Leben" gewissermaßen die Vorbedingung sei. Seine Lehre heute: "Ein Schriftsteller muß durch Feuer, Wasser und kupferne Rohre gehen. Deshalb muß er in Rußland mindestens hundert Jahre alt werden."

Feuer, Wasser, kupferne Rohre: für den kleinen elternlosen Wolodja sind es Einsamkeit und Auf-sich-allein-gestellt-Sein, Hunger und Durst, Waldbrand und Verlust der Orientierung, während er mehrere Tage lang ganz allein, nur ein paar Streichhölzer und etwas Salz in der Tasche, eine Angelrute in der Hand durch Wald und Tundra läuft, um seinen Großvater in dessen Waldhütte zu besuchen – in Korinetz’ Romanen agieren Menschen, die noch ein ungestörtes Verhältnis zu einer unveränderten Natur haben, die wissen, wie und wo man eine Äsche fängt, sie salzt und Saft ziehen läßt oder in der Asche brät, daß man noch klares Flußwasser trinken und auf dem vom Feuer warmen Erdboden getrost schlafen kann.

Abenteuer also in einer nicht ganz gefahrlosen, auch nicht nur guten und schönen Welt, Abenteuer mit Spannung und unverhofften Wendungen, Abenteuer aber auch mit zuversichtlichen und glücklichen Lösungen, wie sie ein Moralist nur erfinden kann: Diese Welt kann einen guten Sinn und einen guten Inhalt haben, wenn wir ihn ihr geben.

Das alles geschrieben aus einer Reinheit der Gedanken in einer reinen poetischen Sprache, unverschnörkelt, geradeaus, humorvoll, aber stets mit einem Zauber übergössen, dem Zauber einer phantastischen und aus unserer alltäglichen Gewöhnlichkeit weit erhobenen Welt. Korinetz: ein Poet, der uns beinahe wieder in längst vergangene glückliche Zeiten zurückführen könnte.

Heinz Josef Herbort