Ein Unternehmer aus Hessen will mit Hilfe des Freistaates die Tonbandgerätefirma retten

Bayerns Wirtschaftsminister Anton Jaumann, „gestandener“ Bauernsohn aus dem Nördlinger Ries, hatte sich selbst unter Erfolgszwang gesetzt. Vier Tage lang verhandelte der CSU-Politiker letzte Woche verbissen und pausenlos um das Schicksal der Münchner Tonbandgerätefabrik Uher. Am Freitag war es so weit: Mit mehr als zweistündiger Verspätung konnten um 16.30 Uhr im Sitzungssaal 1028 des Wirtschaftsministeriums die Verhandlungen abgeschlossen werden.

Jaumann hatte sich auf einen Zweikampf mit einem Mann eingelassen, der bisher in der deutschen Wirtschaft ein unbeschriebenes Blatt war. Mit dem Pokerspiel um Uher war der Name des 40jährigen Rüdiger Hoessrich plötzlich in aller Munde.

Der Unternehmer aus Oberursel hatte am 31. Oktober über einen Schweizer Ableger seiner Mini-„Gruppe“ die in eine akute finanzielle Notlage geratenen Uher-Werke von dem schwerreichen, aber industriemüden Grafen Hans Veit zu Törring-Jettenbach gekauft und selbst die Geschäftsführung übernommen. Er versprach, der Firma rasch neue Mittel zuzuführen, wobei von zehn Millionen Mark die Rede war – an den Grafen mußte er keine Mark zahlen.

Nachdem er bereits in den Betriebsversammlungen aller drei Uher-Fabriken zusammen mit Graf Törring aufgetreten war und sich als neuer Eigentümer vorgestellt hätte, besann sich Hoessrich nach 13 Tagen unversehens eines anderen: Er schrieb Törring, daß er Uher nicht mehr haben wolle, kündigte seine Geschäftsführer-Funktion auf und räumte seinen Chefplatz in der Münchner Barmseestraße. Die bereits eingeschossener. 1,5 Millionen Mark zog er wieder ab.

Der Graf wiederum sperrte sich: „Uher gehört mir nicht mehr, ich kann nichts tun.“ Er hüllte sich auch in Schweigen über die Gründe, die den Mann aus Oberursel zum Rückzug veranlaßt hatten.

Minister Jaumann, der sich einschaltete, um tausend Arbeitsplätze zu erhalten, nimmt an, Hoessrich habe den Vertrag mit dem Grafen wegen „arglistiger Täuschung“ anfechten wollen. Doch dazu Törring: „Hoessrich hat vor Verkaufsabschluß alle gewünschten Unterlagen erhalten.“ Im Gegensatz zu den meisten anderen Beteiligten hatte Jaumann schon beim ersten Kontakt einen „sehr guten Eindruck“ von Hoessrich und lobte dessen „absolut schlüssiges“ Konzept.

Die Banken dagegen meinten, ihr Vertrauen zu Hoessrich sei „in den Grundfesten erschüttert“. Sie kündigten dem „herrenlosen“ Unternehmen die Kreditlinien, sperrten die Konten und verfügten die Offenlegung und Abtretung der Kundenforderungen.

Als Notgeschäftsführer tauchte im Hause Uher der frühere Boß Wolfgang Freiherr von Hornstein wieder auf, der das Unternehmen nach dem Krieg gemeinsam mit dem Vater des Grafen aufgebaut und bis 1972 von einer Finanzklemme über die nächste geholfen hatte.

Wie ein Kaninchen aus dem Hut präsentierte Hornstein einen neuen Kaufinteressenten: Mister Wides aus Südafrika, von dem nicht einmal der Vorname bekannt war. Doch die Banken nahmen Mister Wides (die Deutsche Bank: „Die Auskünfte sind unklar“ ) so wenig zur Kenntnis wie der vielbeschäftigte Sanierungsmanager Jaumann, der vorher von den Großen der bayerischen Wirtschaft (vor allem Siemens und Grundig) Absagen erhalten hatte und deshalb auf Hoessrich eingeschworen war.

Jaumann meinte, nur der kontaktscheue, arrogant auftretende hessische Unternehmer habe ein tragfähiges Konzept für die sieche Gerätefirma (Jahresumsatz zuletzt rund 100 Millionen Mark), deren hochangesehene Produkte auch Präsident Nixon zur geheimen Aufzeichnung seiner Watergate-Gespräche gut genug waren. Bayerische Wirtschaftsexperten argwöhnten indessen, der „eiskalte Taktiker“ Hoessrich „erpresse“ den gutwilligen Jaumann. Der unnahbare Hesse blieb Sieger in dem Nervenkrieg.

Als der Minister am Freitag den Journalisten den hochgewachsenen, hageren Mann aus Oberursel präsentierte, war er sich darüber im klaren, daß Hoessrich einen Erfolg errungen hat: „Statt der ursprünglichen 18 Millionen Mark steht ihm nun ein Finanzierungsrahmen von 30 Millionen Mark zur Verfügung.“

Zehn Millionen Mark will Hoessrich, der nun wieder als Eigentümer Uher übernimmt und mit Graf Törring einen neuen Vertrag abschließt, als haftendes Kapital selbst einbringen. Die Banken eröffnen ihre Kreditlinien wieder und stellen außerdem 20 Millionen Mark als Darlehen bereit, wovon fünf Millionen vorerst in Reserve bleiben. Für 15 Millionen Mark sagt der bayerische Staat („vorbehaltlich der Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen und einer positiven betriebswirtschaftlichen Prüfung“) eine Bürgschaft zu – wobei jedoch für drei Millionen die Banken und für fünf Millionen Hoessrich selbst wieder eine sogenannte Rückbürgschaft übernehmen.

Die Frage, ob sich sein Pokern um bessere Bedingungen gelohnt habe, läßt Hoessrich kalt: „Ich habe nicht gespielt. Diese Lösung ist für alle Beteiligten wesentlich sicherer als die ursprüngliche.“ Er glaubt nicht, daß durch das von ihm verursachte Spektakel das Image von Uher gelitten habe.

Für seinen Hausbankier Gerhard Dressler von der Dresdner-Bank-Zentrale in Frankfurt ist der Frankfurter Unternehmersohn gerade der richtige Mann für Uher: „Wenn einer es schafft, dann er.“ Dressler schwört auf Hoessrich, räumt aber ein: „Er ist ein verschlossener Mann, man braucht Zeit, um mit ihm warm zu werden. Aber wir sind mit ihm warm geworden und kommen sehr gut mit ihm aus.“

Die Dresdner Bank ist erst 1972 mit Hoessrich ins Geschäft gekommen. Sie half dem Senkrechtstarter im Juli 1972, die in Schwierigkeiten geratene Bad Homburger Diktiergerätefirma Assmann GmbH zu übernehmen. Die Firma beschäftigt 600 Mitarbeiter und stellt in erster Linie Plattendiktiergeräte her, mit denen sie besonders gut im Behördengeschäft verankert ist. Hoessrich steigerte den Umsatz bisher von 30 auf 40 Millionen Mark. Vorher war Hoessrich elf Jahre lang geschäftsführender Gesellschafter der väterlichen Firma Günther & Co. in Frankfurt, eines Handelsbetriebs für Spezialwerkzeuge, ehe er 1970 dort ausschied und eine eigene Handelsgesellschaft mit ähnlichem Programm unter seinem Namen gründete. Die Dresdner Bank hat nun auch kräftig dazu beigetragen, die Vorurteile gegen den „sehr kritischen und sehr fleißigen Arbeiter Hoessrich“ (so Dressler) bei den anderen Kreditinstituten abzubauen.

Mit unbewegter Miene versicherte nun der Hesse, daß er gut 1000 Arbeitsplätze bei Uher erhalten wolle. Das Programm will er stärker in Richtung Kassettengeräte ausbauen. Die Entlassung von rund 500 Kräften sei schon beschlossene Sache gewesen, ehe er auf den Plan trat.

Hermann Bößenecker