Von Heinz Michaels

Schon seit geraumer Zeit sind die Gewerkschaften in die Schußlinie gekommen. Und gelegentlich hat man den Eindruck, daß sie geprügelt werden, wenn die sozial-liberale Regierung gemeint ist. Das gilt für konservative wie für linke Kritiker. Zwei aktuelle Schriften verdeutlichen das:

Otto Jacobi / Walther Müller-Jentsch / Eberhard Schmidt (Hrsg.): "Gewerkschaften und Klassenkampf. Kritisches Jahrbuch 74"; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1974; 320 Seiten, 6,80 DM

Günter Triesch: "Gewerkschaftsstaat oder sozialer Rechtsstaat"; Seewald Verlag, Stuttgart 1974; 119 Seiten, 12,80 DM

In der dritten Folge des "Kritischen Jahrbuchs" sprechen die Herausgeber von der "offenbar gewordenen Krise" in den Gewerkschaften: "Einerseits sehen sie (die Gewerkschaftsführer) sich zu Zugeständissen gegenüber einer forderungsbereiten und kampffähigen Mitgliederschaft gezwungen ... Andererseits nehmen die Restriktionen und Disziplinierungen gegen tatsächliche und mögliche Opponenten zu."

Aggressiv fordert Walther Müller-Jentsch in einer Analyse der spontanen Streiks 1973: "Die Gewerkschaften können nicht mehr ... zugleich Vertretungsorgan der Mitgliederinteressen und Transmissionsriemen der staatlichen Wirtschaftspolitik sein." Und Dietrich Eisseg zieht aus dem Metallarbeiterstreik 1974 an der Unterweser die Konsequenz: "Es bleibt zu hoffen, daß der Konflikt mit der eigenen Gewerkschaftsführung immer mehr Kollegen dazu bringt, dafür zu sorgen, daß immer mehr bewußte Gewerkschafter sich wieder ihrer Organisation bemächtigen." Was gemeint ist, ist klar: Die Gewerkschaften sollen ohne Rücksicht auf Gemeinwohl und Staat operieren. Mit offizieller Gewerkschaftspolitik haben diese klassenkämpferischen Töne junger Soziologen wenig zu tun. Das haben die diversen Gewerkschaftskongresse der letzten Wochen und die dort gefaßten Beschlüsse gezeigt. Doch für Autoren wie Günter Triesch dürften sie Wasser auf deren Mühlen sein und genüßlich zitiert werden.

Der Schlüsselbegriff für Günter Triesch ist der "Gewerkschaftsstaat", den er heraufdämmern sieht. Das Streben nach paritätischer Mitbestimmung ist für ihn dafür das wichtigste Indiz, aber auch ein (von ihm nicht nachgewiesenes) "Arbeitsmarktkartell" der Gewerkschaften oder die Ausnutzung der Tarifautonomie gegen die Interessen der Allgemeinheit, (was ja wohl nur mit der Unterschrift der Vertragspartner im Arbeitgeberlager möglich ist).