Frankfurt

Es geschah vor fünf Jahren. Der hessische Finanzminister Albert Osswald hatte gerade die Nachfolge des schwererkrankten Ministerpräsidenten Georg Zinn angtreten und war nun dabei, sein erstes Kabinett zusammenzubasteln. Der Mann seiner Wahl für das Kultusministerium, ein tüchtiger, aber politisch farbloser Verwaltungsjurist, war in der SPD und in der interessierten Öffentlichkeit auf eine derart massive Ablehnung gestoßen, daß er sich nach neuen Möglichkeiten umsehen mußte. Da traf Osswald bei einer Feierstunde in der Frankfurter Paulskirche Alexander Mitscherlich und klagte ihm sein Leid: "Ich brauche einen Kultusminister." Der Hohepriester der Psychoanalyse wußte Rat. Er zeigte auf einen jungenhaft wirkenden, schlanken Mann mit schmalem Gesicht: "Da ist einer."

Das Glückskind Osswald hatte genau im richtigen Augenblick den richtigen Mann gefunden. Einen leibhaftigen Professor mit Fronterfahrung und noch dazu (damals) parteilos: Ludwig von Friedeburg, Ordinarius an der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe-Universität. Damit war nicht nur der Sache voll gedient, mit von Friedeburg konnte sich der frisch gebackene Ministerpräsident Osswald auch selbst herausputzen.

An diese Tage ungetrübten Glücks muß sich zurückerinnern, wer heute die hessische Szene beobachtet. Es sind nicht nur die Zeiten der absoluten SPD-Mehrheit vergangen, heute verlangt der freidemokratische Koalitionspartner den Kopf des Kultusministers von Friedeburg.

Es hatte zunächst ganz harmlos angefangen. Mit amüsiertem Interesse hatten die Sozialdemokraten zugesehen, wie der FDP-Koalitionspartner während des Landtagswahlkampfes die Schulpolitik des SPD-Kultusministers Ludwig von Friedeburg aufs Korn nahm. Im übrigen gingen die FDP-Attacken gegen Gesamtschule und Rahmenrichtlinien durchaus nicht allen eingeschriebenen Sozialdemokraten gegen den Strich; auch in den eigenen Reihen gab es Genossen, die dem Tempo der hessischen Schulpolitik nicht zu folgen vermochten. Albert Osswald auf diesem Flügel anzusiedeln, wäre sicher grundfalsch.

Dieses Kurzpsychogramm gehört zur Ausdeutung der Atmosphäre, in der jetzt die Freien Demokraten bei den Koalitionsverhandlungen auf einen bildungspolitischen Rückzug drängen. Die Marschrichtung: die Rahmenrichtlinien für Deutsch sollen überarbeitet, "entideologisiert", die Richtlinien für Gesellschaftslehre völlig aus dem Verkehr gezogen werden. Die Schmerzen der Amputation sollen durch den Vorschlag gelindert werden, die Rahmenrichtlinienthematik an die Hochschulen zu verweisen. Das heißt: die künftigen Lehrer sollen sich erst einmal damit beschäftigen. Eine solche Härte der Konfrontation hatten die Liberalen allerdings nicht vorausgesehen, als sie während des Wahlkampfes frischfröhlich auf der Schulpolitik herumprügelten. Aber dann kam der Schock der katastrophalen Stimmenverluste, und heute gehen nun täglich Briefe aus der Mitgliedschaft mit der Forderung ein: Minister von Friedeburg muß weg. Nach der Wahlniederlage wollen sich die Freien Demokraten wenigstens als Sieger bei den Koalitionsverhandlungen präsentieren. Und mit sicherem Blick für alles, was die Sozial-Liberalen in Schwierigkeiten bringen könnten, blies denn auch Springers Welt in die schwelende Glut: "Am Fall Friedeburg entscheidet sich die Glaubwürdigkeit der FDP."

Die Lage ist schwierig, aber nicht hoffnungslos. Die hessischen Sozialdemokraten gehen davon aus, daß der FDP-Partner die Schulpolitik im Parlament mitgetragen habe. Zudem gilt als allgemein akzeptierte Spielregel, daß man sich bei Koalitionsverhandlungen nicht in die Personalauswahl hineinredet. So steht die SPD vor der Belastungsprobe, wie weit man mit schulpolitischen Zugeständnissen gehen kann ohne zu riskieren, daß von Friedeburg damit zum eigenen Verzicht getrieben wird. Dabei ist seine Position stark. In Sturm- und Drangzeiten, wenn er von draußen angegriffen wurde, haben sich die hessischen Sozialdemokraten stets wie ein Mann um ihn geschart.