Es war schon dunkel im Theater. Man hatte dem jungen scheuen Gitarristen zugehört; ich hing noch klängetrunken dem grad verrauschten Solo nach, da traf mich eine Erbse an den Kopf. Es knatterte im Saal wie beim Kinderfeuerwerk vor Silvester. Dann sah ich im Gegenlicht der schwarzen Bühne eine Erbsenwolke vor mir niedergehen, noch eine, und noch eine, und dann erklomm ein Mensch in wadenlangem feuerroten Mantel die Rampe, erbat sich flehentlich etwas vom Bühnenhimmel und bekam es, einen Kleiderbügel. Er schüttelte die Hände aus, pfiff und sang ein Lied zu Tuba, Orgel und Gitarre: Herman van Veen.

Van Veen? Noch darf man fragen, wer das sei, ohne sich zu blamieren. Niederländer ist er, neunundzwanzig Jahre alt, in Utrecht examiniert in Geige und Gesang und somit gegen einen dummen Vorwurf gefeit, er hätte nichts gelernt. Aus Körperlänge und Haltung ergibt sich zwanglos die Bezeichnung langer Lulatsch. Sein blondes, leicht gelocktes Haar fällt mit schütterem Wurf bis fast auf die Schultern. Die Augen sind, was man nicht sieht, aber ahnt, blau. Das sind die Personalien. Und was ist er?

Er ist alles. Er ist ein Unterhalter, wie ihn als so komplexe Figur sonst nur ein Lexikon zu montieren wagt: Er ist Sänger und Geiger, er hat etwas von einem Schauspieler und einem sprunggewandten Tänzer (mit der Fähigkeit zum Battement), er ist Pantomime, Parodist, Imitator, Geschichtenerzähler, kurzum: ein Spaßmacher und ein Erzieher, ein Clown, wie die Zeit ihn braucht und ihn sich ja auch hervorgebracht hat: Weiser, Moralist und Rotznase.

Nur muß man gleich erwähnen, daßHerman van Veen, wenngleich der optimus inter pares, einer ist von vieren auf der Bühne, nur daß die anderen nichts als Musiker sind, aber was für welche! Ginge man danach, wie sie sich aufführen, fände man nur Wörter wie unauffällig, bescheiden, nützlich. Wendet man sich ihrer Musik zu, muß man ungleich höher langen: Sie ist von packender Originalität und in ihrer Art so unerhört unbefangen wie weiland die der jungen Beatles. Sie klingt oft gefährlich schön und wiegt sich sanft dahin, aber dann fahren spröde Wendungen dazwischen. Nicht einen Augenblick lang ist sie sentimental. Das macht ihre Lässigkeit, das liegt nicht zuletzt an der pikanten Instrumentation und den ungewöhnlichen Klangfarben, die sie mischt, zum Beispiel Gitarre, Tuba, elektrisches Klavier. Manchmal wechselt die Besetzung auf Baritonhorn, Flügel, Elektroorgel; es gibt eine Kesselpauke, die dann und wann geschlagen wird, und es gibt van Veens melancholisch jubelnde Geige. Wie allein die Tuba ihrer Tradition widerspricht: kein knapp geblasener subalterner Militärbaß, sondern ein sanfter Geselle von trockenem Humor. Er ist eine ganz wichtige Farbe im Arrangement. Der Bläser heißt Hans Kopp es.

Ein paarmal erfährt das Publikum etwas von der virtuosen Brillanz des Quartetts. Da wird man zuerst den Gitarristen Harry Sacksioni nennen, der mit seinem zweiten Solo einen Sturm von Beifall in Bewegung setzte. Da erinnere ich mich an ein Orgelintermezzo, in das sich die Gitarre einmischt und dann die Geige mit grellen Eskapaden, bis ihr die Melodie wieder entrissen wird vom Organisten und Pianisten, der wie keiner sonst diesen Abend musikalisch trägt – man bemerkt ihn kaum, aber er ist die Seele vom Geschäft: Erik van der Wurff. Natürlich muß man den Geiger Herman van Veen nennen, der zum Beispiel auf der Basis dreier nach und nach hervorgeholter Töne ein spannendes kleines widerborstiges Stück mit rhapsodischen Temperamentsausbrüchen erzählt, dräuende Orgelklänge dazukriegt und der dann, laut Unverständliches stammelnd, aus dem Wohlklang springt.

Was dabei wichtig ist: daß diese Einlagen eigentlich Intermezzi sind, die zwei Nummern miteinander verbinden – wie in diesem Programm (das im wesentlichen übrigens auf der Schallplatte "Inzwischen alles Gute", Polydor, enthalten ist) eigentlich jede Nummer aus der anderen entspringt und in eine andere übergeht; selbst die Pause fügt sich in das beziehungsreiche Netz der Show ein.

Im Grunde aber ist die Musik vor allem Komplementärfarbe des Textes. Gelesen bleibt manch einer blaß oder, wie "Der Bär", eine fast aufdringlich kindliche Veranstaltung: "Ich bin ein furchtbar großer dicker, brauner Bär, / schaut mal her, schaut mal her, schaut mal her!" Auf der Bühne hingegen, von Gitarre, Tuba und Kesselpauke akkompagniert und pantomimisch übersetzt, wird es ein Spaß von so reiner Fröhlichkeit, daß Erwachsenendistanz wie nichts dahinschmilzt. Aber dann schreit van Veen plötzlich "Papi!" und fährt normal fort: "Warum tut der Onkel so blöd? – Der wird dafür bezahlt."