Die Satire", sagt Karl Kraus, "darf die kleine Nase zum Knopf, die große zur Gurke machen." Darf nun jemand zum Gericht laufen, wenn jemand seinem Normalgesicht eine häßliche Gurke anhängt?

Die Firma Siemens ist gegen den Schriftsteller F. C. Delius und seinen Verleger Wagenbach vor Gericht gegangen wegen einer Satire, deren Qualität Jonathan Swift standhält: "Unsere Siemens-Welt – Eine Festschrift zum 125jährigen Bestehen der Firma S.". Festschriften sind meist hochtrabend und langweilig. Sie verschweigen die finanziellen und moralischen Niederlagen; sie schwelgen in Erfolgen, die sie auch noch ethisch hochstilisieren – ganz überflüssig, denn der geschäftliche, mit redlichen Mitteln erreichte Erfolg wäre Legitimation genug.

So hatte Delius schon eine witzige Idee, als er in die Haut des Verfassers einer angeblichen Festschrift des Hauses Siemens schlüpfte, um den erbarmungswürdigen Inhalt echter Festschriften durch Lächerlichkeit zu entlarven.

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Der Witz beginnt schon mit dem Titel: "Unsere Siemens-Welt." Der Betrieb als "unsere Welt" oder gar "unsere Familie" (beides mit leichtem Beben auszusprechen) – das habe ich zu oft von Unternehmern gehört, die ihren Mitarbeitern statt Pensionsregelung oder Gewinnbeteiligung ein erhabenes Gefühl verkaufen möchten. Selbst ein glanzvolles Unternehmen wie Siemens kann eben nicht "die Welt" der Mitarbeiter sein, sondern immer nur ein Teil derselben. Eine Lüge, scheinbar ernstgenommen und dadurch entlarvt – das ist schon geglückte Satire.

Nur: Lügt Siemens wirklich? Es gehört zu meinem Beruf, die Verlautbarungen großer Firmen zu verfolgen – bei Siemens ist mir eher eine kühle Sprache aufgefallen. Die Hauszeitschrift nennt sich knapp "Siemens-Mitteilungen." Aber vielleicht hilft mir Delius noch auf die Sprünge. Und wenn es wirklich so sein sollte, daß er die bei anderen Unternehmen beobachtete schlechte Sitte dem Hause Siemens angelastet hat – bitte, geschenkt.

Aber geht so etwas: Der Festschriftsteller des Jahres 1972 berichtet, unter den im Krieg bei Siemens beschäftigten Arbeitern seien gewesen: "... nicht nur freie Lohnarbeiter, sondern auch Juden und Ausländer, die die Zeitumstände zu Sklaven gemacht hatten. Da nicht wenige von diesen in Konzentrationslager eingewiesen wurden ..." Der Leser hält den Atem an. Er weiß, was das bedeutet. Marter und Tod. Die "Festschrift" aber fährt fort: "... herrschte eine für die kontinuierliche Produktion nicht sehr förderliche Fluktuation".