Von Peter Crome

Tokio, im November

Der seit hundert Jahren erste Besuch eines amerikanischen Präsidenten in Japan wurde politisch zur letzten Ölung für Ministerpräsident Kakuei Tanaka. Kaum war der best bewachte Staatsgast Japans dem von der Polizei streng kontrollierten Zugriff der linksextremen Protestdemonstranten entronnen, brach der Burgfrieden in der politischen Kulisse zusammen. Am Dienstag kapitulierte Tanaka, der einst als "Ministerpräsident des kleinen Mannes" angetreten war, vor dem Volkszorn über unerträglich steigende Lebenshaltungskosten und über politische Korruption. Er kündigte seinen Rücktritt an. Nach knapp zweieinhalbjähriger Amtszeit steht Tanaka vor dem Scherbenhaufen seiner hochfliegenden politischen Pläne, die ihm zu Beginn eine Popularitätsrate von über 60 Prozent eingetragen hatten.

Tanakas große politische Leistung war die lang überfällige Normalisierung der Beziehungen zu China. Die "Zaikai" oder "Welt der Wirtschaft", die in Japan die Politik mitbestimmt, hatte bei dem Diadochenkampf um die Nachfolge Eisaku Satos entscheidend mitgemischt. Denn Tanaka galt als liberaler Parteipolitiker, der der Wirtschaft den lange verschlossenen Markt der achthundert Millionen chinesischen Verbraucher von der japanischen Haustür zugänglich machen sollte. Mit spektakulären Entwicklungsprojekten wollte er sein Image als Macher und "Bulldozer mit dem Computergehirn" beweisen. Zu ihnen gehörten 9000 Kilometer neue Superexpreßstraßen, 7000 Kilometer neue Autobahnen, gigantische Tunnel und Brücken, die alle japanischen Hauptinseln miteinander verbinden sollten.

Tanakas spektakulärstes Projekt war die im Entwurf geniale Idee der "Neumodellierung der japanischen Inseln", mit dem Ziel, die Industrie zu dezentralisieren und aus den Ballungsräumen herauszuverlegen, sowie einige Dutzend neue Produktions- und Siedlungszentren zu errichten. Aber seine Pläne wurden nur zum Symbol für das von der Öffentlichkeit mehr und mehr kritisierte "Bruttosozialdenken" der japanischen Politik – des Wirtschaftswachstums um jeden Preis und zu Lasten der Lebensqualität.

Starrsinnig einsame Entschlüsse fassend und durchpaukend, entfremdete sich Tanaka zunehmend von seinen eigenen Parteigenossen. Blind übersah er, daß er die ohnehin überhitzte Konjunktur nur weiter anheizte und Japan im Zuge der Ölkrise einem Chaos von Hortung und Preissteigerungen auslieferte. Am Tag seines Rücktritts war sein Beliebtheitspegel auf 16 Prozent abgesackt. Japans einst gipfelstürmende Wirtschaft sieht sich zum erstenmal seit 1945 einer negativen Wachstumsrate gegenüber.

Während in der Parteikulisse der Kampf um die Tanaka-Nachfolge anhebt, zieht der japanische Verbraucher die Bilanz der Ära Tanaka: Die Bodenpreise stiegen um 54 Prozent, die Einzelhandelspreise um 43,8 und die Großhandelspreise um 66,4 Prozent. Der Preis für eine Tasse Kaffee kletterte um 55,3 Prozent, ein Kilo Eier verteuerte sich um 87,7 und ein Herrenhaarschnitt kostet jetzt 67,3 Prozent mehr als 1972. Während die Löhne um fast 50 Prozent angehoben wurden, sind die Realeinkommen jedoch um 1,7 Prozent gesunken. Die Arbeitslosenrate steht offiziell bei 1,4 Prozent; werden aber die statistisch nicht erfaßten Arbeitslosen hinzugerechnet, die Freiberuflichen, die in Familienbetrieben Beschäftigten und das Heer der Tagelöhner, so erhöht sich die Rate auf etwa vier Prozent, also auf etwa zwei Millionen arbeitslose Japaner.