Bereits 1960 in der "Rahmenvereinbarung" von Saarbrücken haben die Kultusminister a’ler Bundesländer ihre Absicht bekundet, die Obersekunda und die beiden Primen, also die 11., 12. und 13. Klasse, zu verändern. Danach sollte die Zahl der Pflichtstunden vermindert, der Stoff konzentriert und der Unterricht vertieft werden, um "die Erziehung des Schülers zu geistiger Selbständigkeit und Verantwortung zu fördern". Dieses ein wenig pathetisch klingende Programm wurde teilweise realisiert; seit Mitte der 60er Jahre begannen überall in den Ländern Versuche. Als neuer Name für diese gymnasialinterne Reform setzte sich weitgehend der Begriff Studienstufe durch.

Schon bald kam noch ein anderer Begriff auf, der jedoch nicht mit Studienstufe verwechselt werden sollte: Kollegstufe. 1969 äußerte sich nämlich auch das im bildungspolitischen Bereich angesehenste Beratergremium, der Deutsche Bildungsrat, zur Oberstufenreform. Der Bildungsrat erkannte die Abiturproblematik ganz klar: "Wer heute Abitur macht, dem bleibt wenig anderes und nichts Besseres zu tun übrig, als zu studieren", stellte er fest und ging deshalb über den Vorschlag der Kultusminister hinaus. Er empfahl eine weitgehende organisatorische und inhaltliche Vereinigung von Berufsschulen und den Gymnasialklassen der letzten drei Jahre (Sekundarstufe II). Detailliert ausgeführt hat der Bildungsrat sein Konzept in der Empfehlung "Zur Neuordnung der Sekundarstufe II" im Mai dieses Jahres. Als neuer Name für dieses Modell beginnt sich der Begriff Kollegstufe durchzusetzen. Kollegs werden vor allem in Nordrhein-Westfalen aufgebaut; dort existieren heute bereits neun Versuche.

Wie die Studienstufen im einzelnen gestaltet werden sollen, beschlossen die Kultusminister erst 1972. Damals faßten sie die praktischen Erfahrungen aus Experimenten überall im Lande zusammen. Heute gibt es etwa schon an jeder dritten der rund 2500 Oberschulen in der Bundesrepublik eine reformierte Oberstufe.

Wie so oft im Bildungswesen wurde die Reform jedoch nicht einheitlich durchgeführt. Studienstufen unterscheiden sich oft von Schule zu Schule und von Land zu Land. Das Grundmuster der Kultusminister sieht als wesentliche Merkmale vor:

  • Auflösung der Jahrgangsklassen 11, 12 und 13 in ein System von Leistungs- und Grundkursen, so daß – jahrgangsübergreifend – etwa Schüler der 11. mit Schülern der 13. Klasse zusammen lernen können;
  • Aufteilung des Schuljahres in zwei halbjährige Semester, so daß es insgesamt sechs Semester gibt, von denen eines als Vorsemester zur Orientierung und eines als Prüfungssemester für das Abitur dient;
  • Gliederung des Unterrichtsstoffes in einen Pflichtbereich (das sogenannte sprachlich-literarisch-künstlerische Aufgabenfeld, das gesellschaftswissenschaftliche und das mathematischnaturwissenschaftliche) und in einen Wahlbereich, in dem neue Fächer wie Soziologie, Statistik oder Datenverarbeitung angeboten werden können; das bedeutet: Jede reformierte Oberstufe kann herkömmliche Gymnasialtypen wie das neusprachliche, altsprachliche oder mathematische umfassen;
  • Individualisierung: Jeder Schüler wählt selber, welches Fach er wie intensiv lernen will, stellt sich seinen Stundenplan zusammen und kann bei entsprechenden Leistungen auch früher als nach sechs Semestern Abitur machen;
  • das Abitur bleibt erhalten; jeder Schüler wird in drei Fächern schriftlich und in einem mündlich geprüft;
  • die Leistungen der Schüler werden nicht mehr punktuell mit Noten, sondern fortlaufend mit Punkten bewertet, die als Guthaben gespeichert werden (Credit-System); statt der Noten Eins bis Sechs werden die Zahlen von 15 bis 0 verwendet. Höchste Punktzahl bis zum Abitur sind 900, mindestens 300 müssen erreicht werden.

H. M.