Der Austausch von Kinder- und Jugendliteratur zwischen beiden deutschen Staaten liegt noch immer im argen. Das hat teils ideologische Gründe, teils bestehen immer noch erhebliche rechtliche Schwierigkeiten. Abgrenzung wird auf beiden Seiten praktiziert. Bisher war man lediglich bereit, von der anderen Seite das relativ Unverfängliche zu übernehmen – in der Tat besteht hier noch ein kleiner gemeinsamer Nenner. Nebenbei sei gesagt, daß es sicher einmal lohnend wäre, eine vergleichende Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur zu schreiben. Ein Ergebnis könnte zum Beispiel sein, daß die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur bei uns relativ reich ist an Umbrüchen (man denke nur an die "antiautoritäre Welle"), während sie in der DDR in erstaunlicher Gradlinigkeit und Konsequenz verlief. Davon legt auch der kleine Schub von Büchern Zeugnis ab, die in dieser Saison herübergekommen sind.

Horst Beseler, geboren 1925, mit der bedeutenden "Käuzchenkuhle" 1965 zum erstenmal hervorgetreten, behandelt mit "Jemand kommt" (Schaffstein, Dortmund; 144 S., 12,– DM) ein Haupt- und Traditionsthema der DDR-Kinderliteratur: das der Beziehungen zum westlichen Nachbarn, das Abgrenzungs- und Selbstfindungsproblem. Aber verglichen mit den meisten früheren Versuchen geschieht dies hier ungleich differenzierter, freier und selbstsicherer. Die streng komponierte, novellistisch sich steigernde Erzählhandlung hat die Begegnung zwischen einem Jungen und seinem einst in den Westen gegangenen und nun auf Besuch weilenden Bruder zum Gegenstand und veranschaulicht am Beispiel Arbeit die unterschiedliche Entwicklung in beiden Teilstaaten.

In "Die Linde vor Priebes Haus" (Schaffstein, Dortmund; 91 S., 9,80 DM) beschäftigt sich Beseler mit dem höchst aktuellen Thema, wieweit Gewachsenes (und man darf es wohl symbolisch nehmen: wieweit Tradition) den Erfordernissen des technischen Fortschritts zum Opfer gebracht werden darf. Dieses allgemeine Problem aller Industriegesellschaften verbindet sich nun auf höchst aufschlußreiche Weise mit einem Selbstbildnis der DDR am Beispiel eines Dorfes, das ein Stück Demokratie "von unten" praktiziert und sich für die Durchsetzung von Basis-Bedürfnissen erfolgreich stark macht. Beseler erzählt zügig und zielstrebig, setzt bewußt Spannungsmomente und versteht diese in beispielhafter Weise zur Veranschaulichung gesellschaftlicher Werte nutzbar zu machen. Seine Sprache ist eine reizvolle Mischung von gedrechselter Bewußtheit und kraftvoller Derbheit, besonders seine Dialoge sind so lapidar und einfach wie wirksam.

Uwe Kant, geboren 1936 in Hamburg, ein Bruder des bekannteren Hermann Kant, erreichte mit seinem jetzt auch bei uns vorliegenden Erstling bereits erhebliches Aufsehen: "Das Klassenfest" (Schneider, München; 187 S., 5,95 DM), eine mit wechselnder Ich-Perspektive erzählte Schulgeschichte von einem Jungen mit Familienproblemen und Schulschwierigkeiten, um den sich ein junger Lehrer, obwohl der über einen Mangel an persönlichen Problemen nicht klagen kann, zu kümmern beginnt und der die Verantwortung des Kollektivs für den einzelnen zu aktivieren versteht. Am konkreten Fall wird versucht, eine neue Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen zu verdeutlichen, dies aber versetzt mit Humor und leiser ironischer Distanz, die geeignet erscheinen, das offizielle staatstragende Pathos durch Einblicke in die Praxis wirkungsvoll zu ergänzen oder gar zurechtzurücken.

Auch in "Die liebe lange Woche" (Schneider, München; 108 S., 4,95 DM) geht es um das Problem Arbeit und Leistung, hier in Gestalt des Aufsatzthemas "Übung macht den Meister", mit dem sich der Ich-Erzähler die Woche vor seinem 12. Geburtstag herumschlagen muß – ein heikles Buch-Sujet, das aber gar nicht moralisierend, eher mit Phantasie, mit Lust am Alltagskolorit abgehandelt wird, mit dem Ergebnis, daß der Schüler noch weit davon entfernt ist, sich in irgendeiner Sache Meister nennen zu dürfen.

Kants eher humoristische, unterhaltsam detailmalende Erzählweise hat mit der Bessere gemeinsam, daß es ihr letztlich um ein Erkennen gesellschaftlichen Wahrheit auf erzählerischem Wege, um die Suche nach einer Identität geht, in der die wechselseitige Bedingtheit des Individuellen und Gesellschaftlichen zum Ausdruck kommt. Gewiß sind alle auftretenden Personen, trotz aller Schwierigkeiten, diese Identität auszumachen, staatsbejahend, gewiß sind beide Autoren überzeugt, daß die eigene Gesellschaft frei ist von antagonistischen Grundkonflikten. Es hieße diese Texte jedoch falsch verstehen, wenn man sie unmittelbar als Widerspiegelung bestehender gesellschaftlicher Praxis nähme. Bei aller Nähe zum Alltag, ja dessen lustvoller Ausmalung, bei aller Akribie und Ernsthaftigkeit, mit der der Mensch als Arbeitender und darin Erfüllung Findender gezeichnet wird, handelt es sich letztlich um Träume von einer heilen oder zumindest heilbaren Welt, die ihre Heilbarkeit nach Überzeugung der Autoren auch verdient.

Für Leser aus der Bundesrepublik ergeben sich daraus nicht unerhebliche Probleme. Es wäre fatal, wenn diese Bücher sozusagen nur "psychologisch" gelesen würden, als Hilfen zur Lösung der persönlichen Probleme der Leser, die ja in einer ganz anderen Gesellschaft verursacht wurden. Um das zu verhindern, sind Informationen nötig. Die Klappentexte der Bücher, die deutlich auf die Herkunft der Bücher verweisen, sind da nur ein erster Schritt. Von der Art und Weise allerdings, wie sowohl Beseler als auch Kant Individuelles und Gesellschaftliches miteinander verbinden und sie als Aspekte derselben Prozesse erscheinen lassen, die zu spannenden und unterhaltsamen, ja teilweise sogar amüsanten Lektüren verarbeitet werden, könnten die Autoren der Bundesrepublik eine Menge lernen. Malte Dahrendorf