Zwar können. Menschen auf Berge klettern und hinunterschauen, zwar schätzen sie um desselben Genusses willen Türme, aber Flügel sind ihnen nicht gewachsen, die haben sie sich selber machen müssen, um zu sehen, was zu sehen ihnen "von Natur aus" gar nicht zugedacht war: die Welt aus der Vogelperspektive. Man kann sich eine ganze Weile damit beschäftigen, worin der Reiz liegt, von oben auf etwas hinabzublicken: Erfinder konstruierten das Flugzeug, Dichter fanden die Figur des Gulliver und stießen auf den Reiz des Riesenspielzeugs. Aber es ist nicht bloß der andere Blick, sondern seine ästhetische Fassung, in der er dem Betrachter vermittelt wird, und es ist die unterschiedliche Gegenwart der Bilder-Sujets. Meister des ersten ist, von niemandem erreicht, Otl Aicher, der "Im Flug über Europa" photographiert hat, ein unsentimentales Buch, das der graphischen Strenge, aber auch der graphischen Poesie seines Autors gehorcht (Otto Müller Verlag, Salzburg 1974; ; 308 S., 75 DM). Man fällt beim Betrachten dieser (leider oft unscharf gedruckten) Blätter von einer Überraschung in die andere – über oft Gesehenes, in Wirklichkeit anders Gesehenes oder Übersehenes: Städte, Schlösser, Tempel, Häfen, Plätze, Brücken, und dann Wasser, Bäume, Traktoren, Flöße, Wellen, Wiesen von einer eindringlichen, oft völlig unerwarteten, nie zuvor erlebten Schönheit. Wie beim ersten Band ("Luftbild Deutschland") schrieb Rudolf Sass die trockenen, informierenden, mehr kontrapunktierenden als interpretierenden Texte. – Es gibt zu diesen Bildern eine reizvolle Parallele, die besonders dann fesselt, wenn die Bild-Sujets vergleichbar sind: "Blick aus dem Zeppelin" mit Luftaufnahmen aus den Jahren 1929 bis 1933 (Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg; 128 S., 29,80 DM). Es ist ein interessanter Rückblick aus der damals zum erstenmal in Ruhe genossenen Höhe auf ein mittlerweile stark verändertes Land. Die Erläuterungen Hans Jürgen Hansens sind korrekt, aber oft so dilettantisch formuliert, daß einen leicht der Museumskoller packt: Sie sehen rechts, sie sehen links, da vorn, da oben. Gewiß ist es schwer, ohne Wörter wie "Bild" (oben, unten, links, rechts) oder "Blick auf" auszukommen, aber gibt es im Verlag keinen Lektor? – Bernt Federau und Will Keller begaben sich "Über Hamburg" (Hans Christians Verlag, Hamburg; 140 S., 48 DM): ein sehr schönes Luftbilderbuch, originell und überraschend, mit vielen photo-graphischen Delikatessen. Der Text: in aufgeräumter Stimmung ein Hamburg-Feuilleton.

Manfred Sack