Von Benjamin Henrichs

Ernie und Bert sind die Besten, und die "Sesamstraße" ist fast schon ein Mythos. Ich habe mir ein Wochenende lang (von Freitag bis Sonntag) angesehen, was sich die beiden deutschen Fernsehanstalten für fernsehende Kinder ausdenken und bin dabei dem großen Vorbild immer wieder begegnet – gerade in den guten, den mindestens gutgemeinten Sendungen.

Im Vorspann zu "Kli-Kla-Klawitter" (ZDF) kräht ein Kinderchor: "Wir wollen lachen und lernen". Das ist, in schlichten Worten, das Programm aller emanzipatorisch gemeinten Kindersendungen. So wird der "Sesam"-Kombination aus Slapstick und Didaktik, Nonsense und Common Sense nachgeeifert – tapfer, doch meist mühselig.

Beispiel eins: "Das feuerrote Spielmobil" (ARD). Zu lachen gab es da ganz wenig. (Höhepunkt der Heiterkeit: ein Zeichentrickfilm, in dem ein Schwein bunt bemalt wird. Und dann regnet es, und die Farbe geht weg.) Hauptteil der Sendung war ein langatmiger Spielfilm über zwei Kinderheim-Kinder – ein Film, der wie ein braver, fürsorglich biederer Verwandter der Stücke des "Grips"-Theaters wirkte: vorsichtige Kritik am Verhalten von Erwachsenen und ein maßvoller Appell an die Solidarität der Kinder. Aber der Film war, anders als die "Grips"-Stücke, so ausgewogen wie langweilig – weil er für niemanden Partei nahm, den Konflikt Erwachsene–Kinder eher versteckte als aufdeckte, weil er den Zeigefinger in alle nur möglichen Richtungen reckte. Kinder, seid pünktlich – Erwachsene, seid ehrlich: Das war’s.

Beispiel zwei: "Kli-Kla-Klawitter" (ZDF). Um diese Sendung "für Kinder im Vorschulalter" mühen sich gleich fünf wissenschaftliche Berater. Das Resultat ihres Beraterfleißes war eine Sendung, die vielleicht pädagogisch verdienstvoll, leider aber so poesie- wie witzlos war. Da steht ein fader, freundlicher Mensch an einer Staffelei und malt. Sein Sujet: das Dorf. Dann kommen ein paar kluge Puppen vor die Kamera und treiben progressive Kunstkritik: Das Dorf auf dem Bild sei ein Bilderbuchdorf, idyllisch, anachronistisch. Also muß der Maler sein Werk verbessern: den Handpflug durch den Traktor, den Schlammpfad durch die breite Dorfstraße ersetzen – und ein Supermarkt muß auch ins Bild. Dies wäre ein reizvolles Thema gewesen, wäre es lustiger, theatralischer, bilderreicher erzählt worden. So aber gab es quälend lange Dialoge vor des Malers Staffelei: eine als Kindersendung kostümierte, mäßig informative Schulstunde.

Beispiel drei: "Die Sendung mit der Maus" (ARD). Hier wurde erst gar nicht krampfig versucht, eine Synthese zu finden aus Heiterkeit und Beiehrsamkeit; hier wurde Information nicht in Neckerei verpackt. Zum Beispiel war da ein kleiner Film über die Arbeit eines Landarztes zu sehen, der mit ganz simpler Sachlichkeit und ohne falschen Abenteuerton ("wie ist die Arbeit doch spannend") auch die Mühsal eines solchen Berufes zeigte. Und daneben gab es ein paar schöne, zweck- und belehrungsfreie Bilder zu sehen (Wassertropfen in Großaufnahme und Zeitlupe), Bilder zum Schauen und Staunen. Die einzige Sendung unter den dreien, die nicht wie Kreide und Kindergarten roch, die Fernsehen nicht nur für eine Vorschule der Nation hielt, die Bilder riskierte, die nicht gleich als Beweisstück und Lehrmaterial zu identifizieren waren.

Es ist für die deutschen Kindersendungen eine dringende Notwendigkeit, sehen zu lernen (und Sehen zu lehren), wollen sie nicht in lammfrommer Pädagogik, blassen Bildern, braven Scherzen verkümmern; wollen sie nicht machtlos bleiben gegenüber den trivialeren Augenreizen, die der (meist billig importierte) Serienschund den Kindern bietet.