"Dekompression" – eine Chance für Wohlstand und Demokratie

Von Theo Sommer

Der Himmel ist groß über dem Hochland von Goiás, blau und voller Cirrus-Wattebäusche. Größer ist nur die Steppe, die sich ringsum dehnt, Hunderte von Kilometern weit bis zu den nächsten Siedlungen, über tausend Kilometer bis an die beiden Zehnmillionenstädte der Küste, Rio de Janeiro und São Paulo, über zweitausend bis hinauf zum Amazonas oder hinunter nach Rio Grande do Sul. Die Hauptstadt Brasilia, Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre aus dem Boden gestampft, wirkt wie verloren in der grünen Unendlichkeit; im übrigen durch und durch künstlich, leblos und steril selbst dort, wo sie schön ist.

Vielleicht fehlt bloß die Patina. Hundert Jahre weiter, und die Hauptstadt mag dem Lande passen, der Entwurf die Wirklichkeit einholen. Die Brasilianer, in Superlative so verliebt wie sonst nur die Texaner, haben keinen Zweifel daran, daß dem so sein wird. Sie sprechen ungeniert von der künftigen Großmacht Brasilien. Zählen sie nicht heute schon 104 Millionen Menschen? Lag nicht 1973 ihr Bruttosozialprodukt bei 55 Milliarden Dollar – und rechnen sie nicht mit seinem Ansteigen auf 110 Milliarden bis 1980? Hatten sie schließlich in den letzten Jahren nicht auch die phantastischsten Wachstumsraten zu verzeichnen gehabt – konstant um zehn Prozent im Jahr und darüber? Nur manche von ihnen beschleicht, wenn sie sich ihr Land betrachten, leiser Pessimismus. Großmacht ja – aber was für eine? "Wenn es uns gelingt, unsere sozialen Probleme zu lösen", sagte ein angesehener Publizist, "werden wir eine Art zweite USA. Aber es könnte genausogut sein, daß wir ein zweites Indien werden."

Und dann fehlt der klinisch-keimfreien Hauptstadt derzeit ja nicht nur die Nähe zum wirklichen nationalen Leben, das sich ganz woanders abspielt; es fehlt ihr vor allem ein glaubhafter Funktionsbezug zwischen architektonischer Intention und politischer Realität. Ich kenne kein schöneres Parlamentsgebäude als das von Oskar Niemeyer in Brasilia gebaute – aber auch kaum ein Parlament, das seit zehn Jahren weniger zu sagen gehabt hätte als jenes, das sich in den futuristischen Sälen aus Spannbeton und Spannteppichen nutzlos versammelt: Beifallsmaschine und Bestätigungsmechanismus für die Militärdiktatur, die sich hinter dem Euphemismus "Revolution" versteckt, ohne eigenes Initiativrecht, und bisher mit einer Opposition ausgestattet, die lieber mundfaul war, als sich mundtot machen zu lassen. Aber womöglich ändert sich dies bald – und drastisch.

"Ich halte es für gut, wenn die Opposition wächst", sagte General Golberry do Couto e Silva vor zwei Wochen. "Das schweißt das Regierungslager zusammen. Ohnedies: Die Opposition kann anwachsen, soviel sie will. Sie wird niemals die solide Mehrheit in Gefahr bringen."

General Golberry gilt in Brasilia als der "Mann hinter der Glastür": die rechte Hand des seit März amtierenden Präsidenten Ernesto Geisel, der Ideologe des Regimes, der Erfinder schließlich des Begriffs, der die gegenwärtige Politik prägt: decompressão. Auf deutsch heißt diese der Tauchersprache entlehnte Vokabel: Druckabbau, Normalisierung, vielleicht sogar Demokratisierung. "Eine der großen Aufgaben ist es, das bisher sehr geschlossene System schrittweise einer partizipatorischen Demokratie entgegenzuführen", sagt der General. "Wir müssen den Überdruck beseitigen, indem wir vorsichtig Ventile öffnen, damit nicht das Ganze in die Luft fliegt."