Von Marion Gräfin Dönhoff

Inflation, Arbeitslosigkeit, defizitäre Handelsbilanzen – man kennt diese Sorgen; sie lasten auf jedermann. Allenthalben ist der wirtschaftliche Wohlstand gefährdet, und die Zukunft sieht nicht gerade rosig aus. Aber ist die Gefährdung der Menschlichkeit, des Menschseins nicht noch viel beängstigender, viel irreparabler?

Produktion läßt sich allenfalls steigern, Arbeitsproduktivität sich wahrscheinlich erhöhen, die Inflation sich hoffentlich bändigen; vielleicht wird es sogar möglich sein, für die schwierigen Währungsprobleme eine Lösung zu finden. Aber wie in aller Welt soll es gelingen, des Terrors und der Gewalt, die sich überall wie eine ansteckende Krankheit ausbreiten, wieder Herr zu werden?

In was für einer Welt leben wir! Da schmuggelt ein Erzbischof Waffen, und Rechtsanwälte werden zu Komplizen, die den Aufruhr schüren und wohlvorbereitete Gewaltanwendung begünstigen. Mord und Totschlag sind zu einem mit größter Selbstverständlichkeit eingesetzten Mittel im politischen Kampf geworden. Und das Leben unbeteiligter Menschen, zufälliger Reisender, unschuldiger Kinder ist nicht nur unbedachtes Riskio, sondern Ziel terroristischer Operationen.

Das vergangene Wochenende hat uns in einer Momentaufnahme die Absurdität der Situation erschreckend deutlich vor Augen geführt.

In der Nacht zum Freitag sind im Zentrum von Birmingham in zwei Kneipen Bomben explodiert, die irische Anarchisten gelegt haben. Die Terroristen hatten Orte ausgesucht, an denen sich um diese Zeit stets viele Jugendliche drängen, das Blutbad also besonders groß zu werden versprach. Auch haben sie offenbar einen besonderen Sprengstoff verwandt, der, wie die Ärzte sagen, schlimmere Brandwunden verursacht hat als alles, was sie bislang kannten. Neunzehn Tote und 200 Verletzte, das war das Ergebnis von wenigen Sekunden. Viele der jungen Leute sind fürs Leben verstümmelt, ein junges Mädchen erblindet. Ein Augenzeuge berichtete: "Wir haben einen Mann gesehen, in dessen eines Bein sich ein Stück Holz gebohrt hatte, das andere lag auf der Straße."

Ist es verwunderlich, daß unter solchen Umständen in vielen Städten Englands Racheangriffe auf irische Minderheiten verübt wurden; daß der Ruf nach der Todesstrafe wieder laut wird; daß gefordert wird, Verdächtige sollten ohne Verfahren eingesperrt werden und unter Verschluß bleiben, wie dies in Irland bereits praktiziert wird? Seit 1679, seit 300 Jahren also, gilt in England die Habeas Corpus-Akte. Sie ist der Stolz einer liberalen und fortschrittlichen Nation. Jetzt wird sie von vielen Bürgern in Frage gestellt.