Braunschweig

Seit zehn Tagen versuchen Richter und Schöffen, den Schleier um den mysteriösen Mord an der Braunschweiger Verlegerin Helga Eckensberger (57) zu lüften. Jeder Prozeßtag jedoch fördertauf Grund der bohrenden Fragen nach Motiv, möglichen Auftraggebern oder Helfern statt der erhofften konkreten Antworten hauptsächlich neue Fragen zutage.

Der Mann, der dem Schwurgericht in Braunschweig die Rätsel aufgibt, schweigt eisern: Volkmar Weilguny, dreißigjähriger Chemiefacharbeiter und österreichischer Staatsbürger. Ihm wird zur Last gelegt, am 27. Oktober 1973 die Verlegerin und Herausgeberin der Braunschweiger Zeitung in ihrer Wohnung geschlagen, gewürgt und schließlich, als sie zu schreien begann, mit einem Kissen erstickt und wertvollen Schmuck und Bargeld entwendet zu haben. Bei Halbzeit des auf elf Verhandlungstage angesetzten Schwurgerichtsprozesses meint Friedrich Linke, Vorsitzender Richter und Vizepräsident des Braunschweiger Landgerichts, achselzuckend: "Wir wissen nicht, was die Wahrheit ist. Wir versuchen nur, sie zu erforschen."

Über mögliche Kontakte der Verlagsinhaberin zu Geheimdiensten wußten die Zeugen bislang wenig zu sagen. Fest steht, daß das Opfer in einem Bilderrahmen auf ihrem Nachttisch das Photo eines Abteilungsleiters des Bundesnachrichtendienstes aufbewahrt hatte. Festzustehen scheint auch, daß Helga Eckensberger im Sommer 1973 für eine oder zwei Wochen eine Amerikanerin in ihrer Wohnung beherbergt hat, die im Zweiten Weltkrieg für die Gestapo gearbeitet haben soll.

Anhaltspunkte dafür, daß Weilguny im Auftrag einer nachrichtendienstlichen Organisation – möglicherweise einer östlichen Zentrale – gehandelt hat, haben sich ebenfalls noch nicht ergeben. Offensichtlich gibt es jedoch etwas, was der Tatverdächtige mehr fürchtet als eine Verurteilung wegen Mordes. Zwar hat der österreicher außerhalb der offiziellen Vernehmung während der Untersuchungshaft Angaben zum Tatgeschehen in Braunschweig gemacht und auch die Wohnung Helga Eckensbergers detailliert beschrieben, Fragen nach der Vorgeschichte des Verbrechens jedoch unbeantwortet gelassen: "Das ist alles so problematisch."

Selbst der Hinweis eines Kriminalbeamten, er, Weilguny, riskiere eine harte Strafe, wenn er schweige, beeindruckte den Tatverdächtigen nicht: "Es ist eben die Frage, was günstiger ist. Es bleibt abzuwarten, was schlimmere Folgen nach sich zieht." Weilguny bittet überdies um Fortsetzung der Untersuchungshaft, was den erfahrenen Vorsitzenden Richter Friedrich Linke erstaunen läßt: "Das habe ich in meiner richterlichen Praxis noch nicht erlebt."

Ein letztes Lebenszeichen gab die Witwe des im Jahre 1966 verstorbenen Verlegers Hans Eckensberger in einem Telephongespräch am Mordtag mit einem Redaktionsstenographen der Braunschweiger Zeitung. Darin soll sie beiläufig erklärt haben, daß sie Besuch habe und das Wochenende in ihrer Wohnung verbringen wolle,