Von Karl-Heinz Janßen

Kein Spruch des Nürnberger Militärtribunals war in der deutschen Öffentlichkeit so heiß umstritten wie die Verurteilung des ehemaligen Staatssekretärs Ernst von Weizsäcker im April 1949. Den einen galt er als untadeliger Edelmann und Patriot, der auf Zuraten seiner Freunde in der deutschen Widerstandsbewegung auf seinem Posten im Auswärtigen Amt ausgehalten hatte, um Schlimmeres zu verhüten; die anderen geißelten ihn als einen Handlanger Hitlers, der die Eroberungskriege des Diktators diplomatisch vorbereitet und als Schreibtischtäter beim Massenmord an den Juden seinen Ehrenschild besudelt habe. Als Anfang der fünfziger Jahre Weizsäckers Memoiren in englischer Übersetzung erschienen – die Endfassung hatte er im Landsberger Gefängnis geschrieben –, veröffentlichte der britische Historiker Sir Lewis Namier eine vernichtende Kritik mit dem Resümee, daß diese "Erinnerungen" nichts weiter seien als das Lügengespinst eines raffinierten Diplomaten.

Sir Lewis hatte der angelsächsischen Forschung die Richtung gewiesen; noch 1963 trat ein kanadischer Gelehrter, der über Weizsäcker promovierte, in seine Fußstapfen. Doch etwas Außergewöhnliches geschah: Der junge Doktor Hill widerrief seine Thesen. Bei weiteren Studien war er auf den noch unveröffentlichten Nachlaß Weizsäckers gestoßen: Tagebucheintragungen aus den Jahren 1933 und 1938/39, über zweitausend handgeschriebene Briefe an seine Mutter, selbstkritische Berichte aus den Krisenmonaten der Sudeten- und der Polenkrise, viele Notizen aus den Kriegsjahren. Weizsäckers Witwe hatte Hill großzügig Gelegenheit gegeben, sich ein Jahr lang in die Papiere zu vertiefen, wohl wissend, daß aus dem feurigen Saulus rasch ein reumütiger Paulus werden würde. Der erste Ertrag seiner Wiedergutmachungsarbeit –

"Die Weizsäcker-Papiere 1933–1950"; hrsg. von Leonidas E. Hill; Propyläen Verlag, Berlin 1974; 684 S., 48,– DM

macht Appetit auf die Biographie, die er angekündigt hat und von der er selbstbewußt annimmt, daß danach Weizsäckers Name, Motive und Handlungen nicht länger in Zweifel gezogen werden könnten.

Den nachgewachsenen Generationen kann man gemeinhin schwer begreiflich machen, warum ein Mann wie Ernst von Weizsäcker, der von angesehenen württembergischen Gelehrtenfamilien abstammte und alles andere als ein Nazi war, sich im Frühjahr 1938, als Hitlers Kriegskurs den Eingeweihten bereits erkennbar wurde, noch zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes ernennen lassen konnte. Gewiß, seine Freunde, die ihn empfohlen hatten, erwarteten, daß er dem neuen Reichsaußenminister von Ribbentrop, einem verblendeten, größenwahnsinnigen Dilettanten, die Stirn bieten und in den Arm fallen.würde. Tatsächlich aber hat er doch seinen guten Namen und seine großen Fähigkeiten in den Dienst einer verbrecherischen Sache gestellt. Des Rätsels Lösung steht in seinen Papieren – sein Entschluß, der ihn vor das Nürnberger Tribunal brachte und ihm zeitlebens Gewissensnöte bereitete, beruhte auf einem schwerwiegenden Irrtum.

Bereits in der ersten Aussprache am 5. März 1938, als Ribbentrop ihn fragt, ob er sein Staatssekretär werden wolle, erfährt er von dem "großen Programm" Hitlers, "das nicht ohne das Schwert zu erfüllen" sei. Zur Vorbereitung brauche man noch drei bis vier Jahre Zeit, aber Österreich sei "möglichst noch 1938 zu liquidieren". Trotz dieser unverhüllten Absicht, einen immerhin unabhängigen europäischen Staat zu annektieren, nimmt Weizsäcker den Posten an, weil er, wie er seinem? Tagebuch anvertraut, davon überzeugt ist, Ribbentrop beeinflussen zu können: "Gerade die Wandelbarkeit der Ansichten von R. scheint mir den Spielraum zu lassen, um die Aufgabe – wohl die einzige, um derentwillen ich dieses Kreuz auf mich nehme – für erfüllbar zu halten: Die Verhinderung eines Krieges, welcher nicht nur das Ende des III. Reiches, sondern Finis Germaniae wäre."