Für Herbert Wehner war es ein Canossa-Gang; doch ob er ihm Absolution einbringen wird, ist zu bezweifeln: Er, der sein politisches Schicksal noch vor Jahresfrist ausdrücklich mit dem von Karl Wienand verbunden hatte, mußte nun die Öffentlichkeit darüber informieren, daß der skandalumwitterte, seit vier Monaten beurlaubte und dennoch weiterbesoldete SPD-Fraktionsgeschäftsführer sein Bundestagsmandat an die Partei zurückgeben werde.

Irgendwann zwischen Paninter- und Steiner-Affäre hätte Wienands Verzicht noch als freier Entschluß, als eine Art von tätiger Reue erscheinen können. Heute ist er nur mehr die Kapitulation vor unausweichlichen Zwängen. Auf der einen Seite steht die Staatsanwaltschaft mit erdrückendem Beweismaterial für strafbare Falschaussage und Steuerhinterziehung, auf der anderen Seite die eigene Partei, die weiß, daß sie sich bei der Landtagswahl in Wienands nordrhein-westfälischer Heimat im nächsten Frühjahr nicht auch noch die Belastung durch diesen Skandal-Helden leisten kann; selbst der Schatten seines allzu späten Abganges wird sie Stimmen kosten.

Das Ultimatum von Ministerpräsident Heinz Kühn für Wehners Protegé kam in letzter Minute. Vielleicht kam es schon zu spät. Für den Protektor Herbert Wehner aber könnte sich das faktische Schuldeingeständnis seines Günstlings in solcher Lage selbst als verhängnisvoll erweisen. H. Sch.