Nun sitzt zutiefst im Deutschen die leidige Angewohnheit, nicht in Individuen, sondern in Ständen, in Korporationen zu denken und aufzutreten, und wehe, wenn du einer dieser zu nahe trittst. Warum sind unsere Witzblätter, unsere Lustspiele, unsere Komödien und unsere Filme so mager? Weil keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen...

Kurt Tucholsky, 1919 ("Was darf die Satire?")

Bücher gegen Altpapier

Die Sowjetunion ist auf einen originellen Weg verfallen, dem Papiermangel zu begegnen: Sie will sieben begehrte, aber seit längerem vergriffene Bücher (darunter Andersens Märchen, Wilkie Collins’ "Frau in Weiß", eine Simenon-Sammlung und den Roman "Zwölf Stühle" der sowjetischen Satiriker Ilf und Petrow aus dem Jahre 1928) wieder auflegen lassen, und zwar in hoher Auflage: eine halbe Million Exemplare pro Titel. Verkauft werden sollen die Bücher aber nur in zehn sowjetischen Großstädten – gegen Barzahlung und Abgabe von zwanzig Kilo Altpapier. Das Altpapier kann an Ort und Stelle erworben werden: in Form von unverkäuflichen offiziellen Büchern, die die Buchhandlungen verstopfen.

Autoren pro Israel

Wie befürchtet, hat sich das Plenum der Unesco-Generalkonferenz Ende voriger Woche in Paris zwei Kommissionsbeschlüssen unterworfen. Es handelte sich erstens um die Verurteilung Israels wegen angeblicher Veränderung Jerusalems durch Ausgrabungen – die erste Sanktion gegen ein Land in dieser Sonderorganisation der Uno –, zweitens um die Weigerung, Israel der europäischen Region anzuschließen – es gehört somit keiner der vier Regionen (Europa, Afrika, Asien/ Ozeanien, Lateinamerika / Karibik) an. Nach dem Protest von über dreißig französischen Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern, die der Unesco künftig ihre Mitarbeit versagen, boykottieren nunmehr, aufgerufen von Heinrich Böll, auch mehrere deutsche Autoren die Unesco, "bis sie im Falle Israel bewiesen hat, daß sie ihre eigenen Ziele nicht verrät". Was Böll "Perversion" nennt, spiegelt nach Ansicht von Thomas Keller, Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission, die in Paris für Israel gestimmt hat, getreu die politischen Konflikte der Uno wider.

Krisen beigelegt?