Der Anlaß kam nicht ungelegen. Hinter einer breiten öffentlichen Woge des Abscheus über die brutale Ermordung des Berliner Kammergerichtspräsidenten von Drenkmann feuert die CDU wieder einmal ihre Torpedos gegen Peter Merseburger, den Hauptabteilungsleiter Zeitgeschehen beim Norddeutschen Rundfunk und Leiter der "Panorama"-Redaktion. Merseburger, so die vier CDU-Mitglieder des NDR-Verwaltungsrates, sei für eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt in dieser Funktion nicht länger tragbar. Nach dem Hungertod des Anarchisten Meins in der Haftanstalt Wittlich und dem Mord an dem Berliner Richter habe Merseburger "Sympathie für ein Mitglied der Baader-Meinhof-Bande bekundet und Organe der Rechtspflege haltlos verdächtigt".

Das vorgeschobene CDU-Argument steht freilich auf schütterem Boden. Tatsächlich hat Merseburger in seinem Fernseh-Beitrag weder Sympathie noch Mitleid für politische Gewalttäter geweckt oder bekundet. Vielmehr bezeichnete er den Mord an von Drenkmann als "brutal", "abscheulich" und "skrupellos". Andererseits war es journalistisch redlich, nach den Hintergründen des Hungertodes von Meins kritisch zu fragen und anzumerken, daß sich die Qualität eines Rechtsstaates am Umgang auch mit seinen "ärgsten Gegnern" erweist.

Im Hintergrund schwelt die seit Monaten von der CDU verhinderte Vertragsverlängerung Merseburgers beim NDR. Mit dem Angriff auf die Meinungsfreiheit eines kritischen Fernsehmannes jedoch zielen die Christlichen Demokraten über den zu groben Daumen einer augenblicklichen, emotionalen Grundströmung.

Wer jedoch dem CDU-Fraktionsvorsitzenden Carstens das Recht zugesteht, dem Staat zu empfehlen, die hungernden Häftlinge ruhig sterben zu lassen, der sollte einem Journalisten ebenfalls das Recht zubilligen, den Staat an seine moralische und rechtliche Pflicht erinnern zu dürfen. Pressefreiheit die sie meinen? Die CDU hat sich mit dieser Attacke einen schlechten Dienst erwiesen.

S.B.