Von Christian Schultz-Gerstein

Es war im Jahre 1775, und Matthias Claudius hatte wieder einmal seine Arbeitsstelle verloren. Vier Jahre lang hatte er den "Wandsbecker Boten", eine Lokalzeitung für Wirtschaft, Schiffahrt und Kultur redigiert, hatte ihr durch eigene Beiträge, und dadurch, daß er die literarische Prominenz der Zeit – Herder, Lessing, Voß, Klopstock – für Mitarbeit an der letzten, der Literatur reservierten Seite gewann, zu überregionalem Ansehen verholfen, nicht aber zu einer kostendeckenden Auflage. Im Oktober 1775 mußte der "Wandsbecker Bote" sein Erscheinen einstellen.

Da saß nun Claudius ohne Arbeit und ohne Einkommen in seiner Mietswohnung in Wandsbeck, einem winzigen Nest vor den Toren Hamburgs. Und obwohl der Arbeitslose eine Familie – Rebekka und zwei Töchter – zu ernähren hatte, verspürte er keinen Drang, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. An seinen Freund, den Dichter Gleim, schrieb er damals, es sei ja wohl nötig für ihn, Arbeit zu suchen, "aber es hat von jeher mit mir nicht fort wollen".

Die Immunität des holsteinischen Pfarrerssohnes gegen Karriere- und Aufstiegsgedanken ging so weit, daß er zeitlebens unfähig blieb, sich in die Notwendigkeit des Geldverdienens zu fügen. Sein Lebensideal war die Arbeitslosigkeit; außer beim "Wandsbecker Boten", wo er als sein eigener Herr arbeitete, hat Claudius es in keiner Anstellung lange ausgehalten. Weder beim Grafen Holstein in Kopenhagen, dem er ein halbes Jahr als Sekretär diente, noch beim Freiherrn von Moser in Darmstadt, der den Oberlandcommissarius Claudius nach einem knappen Jahr entlassen mußte wegen ganz ungenierter Untätigkeit. An den Zwang fester Bürostunden konnte er sich so wenig gewöhnen wie überhaupt an ein Leben, das andere für ihn bestimmten.

Schon als Neunzehnjähriger widersetzte er sich den Berufsplänen, die der Vater für ihn vorgesehen hatte – Claudius sollte der Familientradition gemäß Pfarrer werden –, indem er in Jena nicht Theologie, sondern Jura, Naturwissenschaften und alles Mögliche durcheinander studierte und nach vier Jahren ohne Abschluß ins heimatliche Reinfeld zurückkehrte. So etwas wie bürgerliche Lebensplanung hat im Kopf des Matthias Claudius nie stattgefunden. Wenn er sich überhaupt einmal Gedanken über seine Zukunft machte, dann waren sie von der Art wie das Südsee-Projekt, das Claudius mit dem europamüden Dichter Gerstenberg verwirklichen wollte: Auswandern nach O-Taheiti, einer Insel der Seligen. Oder er beabsichtigte, mit seinem Freund Voß, dem Homer-Übersetzer und Poeten scharfer antifeudalistischer Idyllen, einen Schloßpark in Lauenburg zu pachten und als Bauer arkadischem Leben zu frönen.

Aber auch die wirklichkeitsnäheren Pläne, Organist oder Zollinspektor oder Lehrer oder Postmeister zu werden, Pläne, die Claudius faßte, wenn er nicht einmal mehr Geld für das Briefporto hatte, auch sie scheiterten regelmäßig, sobald er tatsächlich Angebote bekam. Einem Freund, der sich für Claudius um die vakant gewordene Stelle eines Konrektors an einer Oldenburger Schule zu bemühen versprach, empfahl er sich mit dem selbstironischen Hinweis, ihn dünke, er sei "von Mutterleibe an zum Konrektor bestimmt". Als jedoch wenig später die Sache ernst wurde, winkte er ab: "Ich bin gar nicht geschickt zum Rektor, habe auch nicht eben große Lust, in Oldenburg zu sein, aber wenn Sie’s meinen, wollte ich’s doch werden."

Unterwarf sich Claudius doch einmal der Fron einer festen Anstellung wie im Jahr 1776, als er auf Vermittlung Herders in die Dienste des Darmstädter Freiherrn von Moser trat, dann betrieb er sogleich den eigenen Rausschmiß. Auf die Frage, was er als Oberlandcommissarius eigentlich zu tun habe, antwortete Claudius in einem Brief: "Ich tue nichts und lasse alles." Sein Dienstherr bestätigte es: "Claudius war faul, mochte nichts tun als Vögel singen hören, Klavier spielen und spazierengehen ..."